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„Kein Problem!“

Kathrin Hamel

 
Du sitzt auf dem Boden und hämmerst auf deine Wanderstiefel ein. Viel zu groß ist der Hammer für deine Hände, zu schwer für deine dünnen Handgelenke. Doch beharrlich schlägst du auf die groben gelben Stiefel. Der Verkäufer hat dir gesagt, dass sie bequem werden und anschmiegsam, wenn du sie nur lange genug weich klopfst.
Kein Problem, hast du damals gesagt, wir schaffen das, alles schafft man, wenn man nur will. Und es war auch nicht schlimm am Anfang. Du warst gesund, jeden Tag spritzen, kleine Dosen nur, mehr als drei Eizellen sollten nicht reifen. Ein paar Termine in der Klinik, Ultraschallkontrolle, alles bestens, das bisschen Bauchweh, kein Problem. Ganz aufgeregt hast du auf dem Stuhl gesessen beim ersten Mal, nackt, die Beine gespreizt, auf die Stützen gelegt, dicke Socken an den Füßen. Richtig fröhlich warst du, damals, erwartungsvoll. Hast dir alles erklären lassen, als die Ärztin den Katheder eingeschoben hat. Ziept ein bisschen, hast du gesagt, kein Problem. Du hattest dir frei genommen für den Nachmittag, dich hingelegt, schöne Musik gehört, du wolltest alles richtig machen. Du hast gewartet, dreizehn Tage, vierzehn, gehofft, getestet, negativ, macht nichts, vielleicht zu früh, hast du gesagt und weiter gehofft. Als du geblutet hast, hast du geweint, nur ein bisschen. Kein Problem, hast du gesagt, beim ersten Mal klappt es fast nie.
Aus dem ersten Mal sind zwei geworden, drei und vier und fünf. Routine. Täglich hast du deine Dosis gespritzt. Termine früh am Morgen, vor der Arbeit noch, am Bildschirm hat dir die Ärztin gezeigt, wie die Eizellen wachsen, 14 mm, 16 und 20, zwei Stück, meistens drei. Deine Pläne hast du gehabt, wo drauf stand, wann du wiederkommen musst. Und wann wir Sex haben sollten. Kein Problem hast du gesagt, ist eben mal so, jetzt. Und mittags die Termine, wenn sie den Katheder eingeschoben hat, eben mal kurz zwischen zwei Versuchsreihen. Da bist du ja endlich, haben sie gesagt, auf Arbeit, wenn du zurück warst, mit aufgeblähtem Bauch, in dich rein hörend, ob das Timing stimmt, ob die Zellen platzen, bevor das Sperma zur klebrigen, leblosen Masse wird.
So klappt das wohl nicht, haben sie in der Klinik gesagt. Dann eben künstlich.
Dann eben künstlich, hast du gesagt. Und als der Professor uns erklärt hat, dass die IVF nicht wirklich künstlich ist, sondern ganz natürlich, eigentlich, im Reagenzglas eben, ganz natürlich, hast du gegrinst und gesagt, ja ja, kein Problem. Sie haben dir einen neuen Plan geschrieben. Na bloß gut, dass ich mal studiert habe, hast du gelacht, als die Ärztin dir alles eingezeichnet hat. Einen Monat früher als sonst solltest du mit dem Spritzen anfangen, Downregulierung. Größer waren sie, die neuen Spritzen, die du schon einen Monat vorher setzen musstest, hast täglich gewechselt vom linken Schenkel, zum rechten, linken, voll blauer Flecken waren sie, deine Schenkel, und grüner, gelber, alter von den letzten Tagen. Na ja, hast du gesagt, wenigstens gehts vorwärts, und dich auf den Tag gefreut, als du mit dem Stimulieren beginnen solltest. Laut Plan.
Tut mir leid, hat die Ärztin gesagt, als sie dich nochmal untersucht hat, Sie haben einen Polyp, wir können nicht stimulieren, der muss erst raus. Keine Angst, hat sie gesagt, das ist eine kleine Sache, drei Tage stationär, das ist alles.
Du warst schon wach, als sie dich mittags aus dem Fahrstuhl geschoben haben, gestrahlt hast du, jetzt ist er raus. Wenig Schmerzen, wenig Blut. Uns geht es noch gut, hast du gesagt, und von der anderen erzählt, deren Eileiter sie durchgängig gemacht haben, jetzt schon wissend, dass sie bald wieder verkleben. Auf der Wachstation läge die nach dem Bauchschnitt, aber dir, dir ginge es gut. Wir haben wirklich Glück, hast du gesagt, dass bei uns eigentlich alles in Ordnung ist.
Sprachlos warst du, als sie dir am nächsten Morgen gesagt haben, dass der Polyp noch drin ist. Hätte zu stark geblutet, haben sie gesagt, wir bereiten Sie jetzt vor. In der Klinik hast du deine Tränen zurückgehalten, stark wolltest du sein, kein Problem. Alles nochmal, hast du zu Hause gesagt, alles nochmal, in drei Monaten, und hast geweint und geweint, geweint. Da wusstest du noch nicht, dass die OP nicht das Schlimmste war, sondern die Zeit bis dahin. Drei Monate lang hast du Spritzen bekommen, Kapseln unter die Bauchdecke, die durften wir diesmal nicht selber setzen. Im zweiten Monat hat es angefangen, knallrot warst du plötzlich, Schweißperlen auf der Stirn, im Büro, beim Friseur, mitten in Besprechungen, nicht zu übersehen. Scheiße, hast du gesagt, Hitzewallungen mit neunzwanzig, was sag ich denn da. Und geweint hast du oft. Tut mir leid, hast du gesagt, ich will das nicht, das kommt von alleine.
So geht das nicht weiter, hast du gesagt, und wir haben die Wanderstiefel gekauft und sind ins Gebirge gefahren. Wir haben versucht, es uns gut gehen zu lassen, haben gelacht, geliebt, gegessen, getrunken, sind gelaufen und gelaufen. Doch die Stiefel haben gedrückt.
Guck mal, ich bin jetzt schon schwanger, ha ha, hast du gesagt, Monate später, und mir deinen aufgeblähten Bauch gezeigt, unecht, überstimuliert. Viel trinken sollst du. Sechs Eizellen haben sie rausgeholt, Vollnarkose, kein Problem. Den Krankenschein für vierzehn Tage hast du abgelehnt, ach was, dir gings ja gut, in drei Tagen wärst du wieder fit. Du hast dich nicht getraut, die Nummer des Labors anzurufen am nächsten Tag, mach du, hast du gesagt und zitternd dagesessen. Leider hat keine Befruchtung stattgefunden, haben sie mir am Telefon gesagt, und noch mehr, doch was ich behalten habe, ist: Null. Null Befruchtung, hast du gefragt, nicht eine einzige, Null?
Wir sind wieder rausgefahren, haben versucht, fröhlich zu sein, die Natur zu genießen, sind gelaufen und gelaufen. Und die Stiefel haben gedrückt. Niemand redet drüber, hast du gesagt. Die Kliniken sind voll, voll von Frauen, die mühsam lächeln, wenn Kollegen beim Mittag von ihren Kindern schwärmen, die selbst ihren Eltern nichts erzählen, wenn die zum tausendsten Mal fragen, wann sie Oma und Opa werden, Frauen, die versuchen sich zu freuen, wenn ihre Freundin schwanger ist. Und keiner redet drüber. Wir arbeiten, funktionieren, kein Problem.
ICSI genehmigt, hat der Professor gesagt, da haben Sie Glück mit der Kasse, oft muss man zwei Nullrunden drehen. Zwei Versuche haben Sie noch, hat er gesagt, zwei Versuche, bei denen die Kasse zuzahlt. So mit zweitausend Euro müssen Sie trotzdem rechnen. Pro Versuch. Wir denken drüber nach, hast du gesagt, und Respekt gehabt vor dem, was da passieren sollte. Vergewaltigung der Eizelle, hast du gesagt, ich weiß nicht recht.
Zwei Jahre haben wir nachgedacht. Manchmal waren wir entschlossen, aufzuhören. Wir sind irgendwo hingefahren, wo keine Familien waren, Wälder, Berge, waren wandern irgendwo, wo außer uns fast keiner war. Doch deine Schuhe haben gedrückt. Sag du, habe ich immer gesagt, es ist dein Körper, den sie kaputtmachen. Zweitausend Euro, hast du gesagt, keine Garantie, nur eine Chance, zwanzig, fünfundzwanzig, vielleicht dreißig Prozent. Wie machen das die anderen? Welche anderen? Die Kliniken sind voll, neue, private Kinderwunschkliniken entstehen, sogar in den ärmeren Städten. Und es gibt keine anderen? Keine anderen, keiner spricht darüber. Wir lügen unser Umfeld an, Kollegen, Freunde, unsere Eltern, stecken Fragen mit einem Achselzucken weg und wechseln das Thema.
Verhöhnt haben sie uns, in den Zeitungen, im Fernsehen, der Wunsch nach Kindern überall. Kinder kriegen, kein Problem. Neuerdings Kampagnen, Großplakate auf den Straßen. Weniger Rente für Kinderlose. Verhöhnt. Wir haben versucht uns abzulenken, neue Hobbys gefunden. Sind gewandert und gelaufen bis zur körperlichen Erschöpfung. Doch deine Schuhe haben gedrückt.
Da haben wir weitergemacht.
Du hast dich darauf gefreut, als es endlich losging und hast zu spritzen begonnen, enthusiastisch am Anfang. Hattest viel verdrängt, von dem, was hinter dir lag. Während der ersten vierzehn Tage Downregulierung warst du richtig gut drauf, trotz der Nebenwirkungen. Kein Problem, hast du gelacht, das Gegenmittel kommt ja bald. Hast drauf gewartet, dass deine Regel endlich kommt, nachdem du zwei Jahre lang gehofft hast, dass sie wegbleibt, hast gewartet, dass sie kommt, damit es endlich losgehen konnte. Hast dann mit der Stimulation begonnen. Viel höher dosiert als früher. Ein bisschen mehr Auswahl brauchen wir doch, hatten die Ärzte gesagt, und sie sind ja auch zwei Jahre älter jetzt. Glauben Sie uns, haben sie bekräftigt, als du ein bisschen komisch geguckt hast, wir haben da unsere Erfahrungen. Du hast dein Gegenmittel aus der Apotheke geholt, ein paar hundert Euro Zuzahlung, na ja, kein Problem, du wusstest ja wofür. Du hast dich gefreut, zuerst, als du stimulieren durftest, den kleinen Piks hast du meist in den Bauch gespritzt, die anderen weiter in die Oberschenkel. Nichts mit Bikini, hast du gelacht, und auf deine blauen Flecken gezeigt und irgendwann jeden Tag nach einem freien Fleckchen Haut gesucht. Nach ein paar Tagen bist du zum Blutabnehmen und zum Ultraschall gegangen, Eizellen-TV hast du das genannt, dann wieder und wieder. Zu klein, hat die Ärztin gesagt, auch beim nächsten Mal. Immer noch ein Rezept für die teuren Spritzen, immer weiter spritzen. Du hast Unmengen Wasser getrunken, dir Sojamilch geholt und tausend andere Dinge, die auf den schlauen Zetteln der Klinik standen. Du hast deine Eizellen weiter gezüchtet, auch wenn dir die geschwollenen Eierstöcke schwer wie Steine im Bauch lagen, du bist nicht mehr Rad gefahren und richtig vorsichtig gegangen, nachdem du einmal aufgeschrien hattest, als du ein bisschen zu schnell aufgesprungen warst. Dann ging alles ganz schnell. Ultraschall am Freitag früh. Das ist jetzt gut stimuliert, hat dir die Ärztin gesagt, als du schon gar nicht mehr daran geglaubt hast. Wir punktieren am Sonntag, hat sie gesagt, und du warst so glücklich. Punktion am Muttertag, hast du gesagt, wenn das kein gutes Zeichen ist. Du hast dir die Auslöserspritze in der Nacht vom Freitag zum Samstag gespritzt, dann blieb uns nur zu warten. Wir sind ganz früh in die Klinik gegangen, Punktion beim Professor. Ein paar Stunden später wollte ich dich abholen. Du warst schon lange wach, ein Stehaufmännchen, ihre Frau, hat die Schwester gesagt, aber dich trotzdem noch nicht rausgelassen. Später sind wir dann nach Hause gegangen, du hattest ein Schmerzmittel bekommen, warst als erste der Frauen angezogen, die Sonne schien und du wolltest unbedingt laufen. Alles war gut. Noch im OP hattest du gefragt, wie viele Eizellen der Professor gefunden hätte. Elf. Du warst nicht wieder eingeschlafen. Dann schlafen Sie zu Hause, hatte die Schwester gesagt, irgendwann kommt es immer. Doch auch zu Hause hast du keine Ruhe gefunden. Ich soll mich doch bewegen, hast du gesagt, noch eine Tablette genommen und bist aufgeregt rumgelaufen.
Am nächsten Morgen der entscheidende Anruf. Du hattest so einen Schiss, hast aber, abergläubisch, diesmal selbst angerufen. Drei, hast du gesagt, und, nach einer Pause, na dann alle, wenn es genau drei sind. Du bist heulend zusammengebrochen, als du den Hörer aufgelegt hattest, hast geschluchzt und geschluchzt und ich kam nicht an dich ran. Schlechte Befruchtungsrate, habe ich gedacht, sehr schlecht sogar, drei von elf, und dass du deswegen weinst. Dann hast du mich angelächelt, mich richtig glücklich angelächelt. Drei, hast du gesagt, drei befruchtete Eizellen, so weit waren wir noch nie.
Montag, Dienstag, Mittwoch, bis Mittwoch Mittag mussten wir warten. Du wärst am liebsten ständig ins Labor gelaufen, zu unseren Embryonen und hättest geguckt, wie sie sich teilen, wachsen, teilen. Bis Mittwoch Mittag mussten wir warten. Du warst schon auf dem Nachhauseweg vom Transfer, als ich dich abholen wollte, hast mir die Fotos von den Embryonen entgegen gestreckt, Nils und Nele und Annika. Du hattest ihnen Namen gegeben von Anfang an, seit sie dir die Ausdrucke gegeben hatten. Drei Embryonen, im OP mit dem Katheder direkt in die Gebärmutter gesetzt und du lagst zwischen grün gekleideten Ärzten und Schwestern im sterilen OP-Ambiente, ohne Narkose und fühltest dich unbehaglich und glücklich zugleich. Zwei der Fotos sahen nicht gut aus, ich bin sicher, du wusstest das, auch wenn sie dir versichert haben, dass die Embryonen in Ordnung wären und du sozusagen halb schwanger. Und du hast ihnen Namen gegeben, Nils und Nele und Annika, und sie mit dir rumgetragen, sie nachts unter dein Kissen gelegt, Nils, Nele und Annika.
Du hast zwei Wochen lang alles richtig gemacht, deine drei Liter Wasser getrunken und Sojamilch, du hast deine Folsäure geschluckt und gut gegessen und jedes Glas Wein abgelehnt, bist nicht Rad gefahren, nicht gejoggt, hast nicht gebadet. Du hast dir abends und morgens deine Kapseln eingeschoben, die in den Stunden darauf schleimig raussabberten und deine Scham verklebten, du hast deine nachträglichen Spritzen in der Klinik abgeholt, die du nicht mehr selber spritzen durftest. Du hast dich nicht zu viel und nicht zu wenig bewegt, hast heitere Filme gesehen und lustige Bücher gelesen. Du hast alles richtig gemacht. Du bist trotz Schmerzen gleich wieder arbeiten gegangen, weil dein Projekt fertig werden musste. So warst du abgelenkt und hast ein paar Stunden nicht nur an unsere Embryonen gedacht, an Nils und Nele und Annika.
Knapp zwei Wochen nach der Punktion hat das Murkeln in deinem Bauch angefangen und du hast Angst bekommen. Nach jedem Klogang hast du Spuren gesucht. Ich sehe was, hast du gesagt, die Regel kommt, und mir das praktisch weiße Stück Klopapier vor die Augen gehalten. Ein Hauch Blut vielleicht, ganz, ganz hell, wirklich ein Hauch. Du warst am Boden zerstört. Und hast die Anzahl deiner Kapseln erhöht und zusätzlich Magnesium genommen.
Du hast wieder mehr Hoffnung geschöpft, als zwei Tage lang das Klopapier weiß geblieben ist. Bauchschmerzen hattest du, ja, aber was wussten wir denn, ob sich nicht auch eine Schwangerschaft so anfühlt?
Wir sind zu Verwandten gefahren gut zwei Wochen nach der Punktion. Sie hatten ihre Kinder dabei und du warst großartig, im Smalltalk mit den Erwachsenen, beim Spielen mit den Kindern. Du bist andauernd zum Klo gerannt und hast gehofft, nichts zu finden, trotz immer stärker werdender Bauchschmerzen. Das Papier ist weiß geblieben und du hast Hoffnung gehabt. Noch bei der Abfahrt war es weiß, und im Auto haben wir gewagt, Pläne zu schmieden, von unserem eigenen Kind, von Kindern. Auf dem Rasthausklo hast du dann Blut gesehen, deutlicher diesmal, Zweifel ausgeschlossen. Du hast nichts mehr gesagt auf dieser Fahrt, nur stumm vor dich hingeweint, um Nils und Nele und Annika.
Du sitzt auf dem Boden und hämmerst auf deine Stiefel ein. Du klopfst und klopfst, und die Stiefel bleiben hart.
 
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