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„Von Würsten
Der konkreten Utopie auf die Pelle gerückt“

Jürgen Nielsen-Sikora

 
Für Matti

„Man kann auch nur davon träumen, eine Wurst mehr zu haben“, behauptete Ernst Bloch 1930 in einem Spuren betitelten Buch.
Was sich in diesem Parabel- und Anekdotenband auf den ersten Blick wie ein Brevier der Bescheidenheit ausnimmt, stellt den philosophisch geschulten Träumer vor ein schier unlösbares Rätsel. Denn obwohl Bloch an die Stelle der großen Utopien oder des materiellen Überflusses, an die Stelle von Liebe, Glück und gutem Leben lediglich ein in Darm gehülltes Stück Fleisch setzt, bleibt offen, inwieweit die Vorliebe für eine bestimmte Wurstsorte nicht nur die Qualität des Traumes determiniert, sondern auch dessen konkreten Inhalt prägt. Auch ist nicht klar, ob anhand einer Analyse der Wurstwahl Rückschlüsse auf den Charakter des Träumenden zulässig sind. Wer über seine anfänglichen Irritationen hinaus den Sinn des Blochschen Satzes also voll erfassen will, der wird, stellt er sich nicht allzu ungeschickt an, schnell auf die Kernfrage in diesem Kontext stoßen. Sie lautet: Hatte Bloch eine bestimmte Wurst im Sinn? Und wenn ja, welche?
Dachte er an Rohwurst, Brühwurst oder Kochwurst?
An Andouille de Vire oder eine ordinäre Stadionwurst, an Leber- oder Blutwurst?
An Salami oder Saumagen (Blochs Familie stammte immerhin aus der Pfalz!), Rügenwalder Mühlenwurst oder Weimarer Wurstbeutel?
An Weißwurst, Mett- oder Teewurst, Fleisch- oder Bratwurst?
An Nürnberger, Frankfurter oder Wiener Würstchen?
Gegrillt, geräuchert, gepökelt? – Welcher Traum darf es sein? Schließlich träumt nicht jeder Hanswurst von Mortadella oder Leberpastete!
Geschnitten oder am Stück? Groß oder klein, dick oder dünn, fettig, zart, saftig oder scharf?
„Scharf“ ist zugleich das Stichwort, das uns gedanklich in die frühen 1980er-Jahre entführt. Damals träumte der Ruhrpottbarde Herbert Grönemeyer, neben Bloch der bedeutendste Vertreter der konkreten Utopie, von der „Currywurst“ und nuschelte seinen Song so vor sich hin als waberte ein halbes Pfund Brät in seinem Mund: „Kommse vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst ... Bisse richtig down, brauchse wat zu kaun – `ne Currywurst.“
Nun, Bochumer Schlacht-Gesänge hin oder her, auch hier stellt sich dem eingefleischten Berliner die Frage: Currywurst mit oder Currywurst ohne? Kurz, ganz so leicht, wie es sich Bloch machte, als er von einer Wurst mehr träumte oder immerhin in Aussicht stellte, es sei grundsätzlich einfach, dies zu tun, ist es heute nicht mehr.
Blochs in den Spuren mitschwingende These, Träume seien nur dann glaubhaft, wenn sie durch den Leib gingen, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch sie steht sogleich auf Messers Schneide. Geht es nämlich um die Wurst, dann bedarf es größerer Verdauungsgedanken als sie uns Bloch in seinem Buch auftischt. So ist das dort verwendete Wörtchen „nur“ nichts als eine böse Untertreibung. In Wahrheit – und um die geht es immer in unseren Träumen –, in Wahrheit handelt es sich bei Bloch um eine besondere Form des (nein: nicht Rinder-, sondern) Größenwahns. Denn der Traum von einer Wurst mehr gleicht geradezu dem Versuch, der Psychoanalyse eine weitere triebtheoretische Zutat beimischen zu wollen. Das wiederum hieße, sich auf eine Stufe zu stellen mit dem größten Wurstexperten aller Zeiten: Sigmund Freud. Mit seiner Analyse der analen Phase hat er Bahnbrechendes nicht nur für die Traumdeutung, sondern auch für die Wurstdeutung geleistet.
In Freuds Oneirologie verschmelzen Wurst und Traum gewissermaßen zu einer Einheit. Denn beide, Traum und Wurst, zeigen, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind wie es uns lieb sein mag.
Wer je auf Grund seiner zahlreichen Neurosen (deren Natur die Flucht aus einer unbefriedigenden Realität in eine lustvolle Phantasiewelt ist) eine Therapie gemacht, oder wenigstens während seines Studiums einen Grundkurs in Triebtheorie besucht hat, weiß, dass Freud den Stuhlgang in seinen kulturwissenschaftlichen Erzählungen als Vergnügen am Vorgang der Darmentleerung interpretiert, bei der kurzerhand sogar auf den aufrechten Gang, diese in Jahrtausenden mühsam erarbeitete Kulturtechnik, verzichtet wird. Wird die Wurst jedoch zurückgehalten, dann nur deshalb, weil sich das Kleinkind von der kommenden, größeren Wurst einen Lustgewinn erhofft. Nach Freuds Deutung lernt es, die Wurst als etwas Wertvolles zu begreifen; etwas, das man zurückhalten oder nach Belieben freigeben kann. In der Konsequenz ist die anale Phase für Freud ein Machtspiel zwischen Kind und Erwachsenenwelt, weil die Wurst für den Willen steht, zumindest vorübergehend für etwas zu kämpfen, was behalten werden will. Es gilt mithin, sich nicht dem Willen einer Übermacht zu beugen. In der Psychoanalyse steht die Wurst deshalb für den Traum vom Eigentum und für das Verfügungsrecht des Träumenden. Doch in der Wurst wie im Traum ist vieles enthalten, was die wenigsten genau kennen. Der Traum vom Besitztum zeigt sich deshalb – paradoxerweise – als etwas Unkonkretes, nicht näher Spezifizierbares.
Unser noch junges und an Wurstträumen wahrhaft nicht armes Jahrhundert hat der Unbestimmtheit des Selbst zur Perfektion verholfen. Das Leben im 21. Jahrhundert gleicht dem Traum von der Wurst schlechthin. Genauer formuliert, ist es ein Mischmasch aus Traum und Wurst, ein Einheitsbrei, das heißt, das in seiner Substanz nicht mehr Unterscheidbare, die Indifferenz, das glutenfreie Stück Traumspeck am Fleischerhaken unserer Utopien. Ja, sind unsere Träume denn nicht der flüchtig gewordene Mix aus falschem Filet und Fertigmischung, aus Tatar und Emulgatoren mit Zitronennote? Was sind unsere Träume denn anderes als ein Cocktail aus Fett und Schwarte im Kühlhaus unseres Unterbewusstseins? – Ununterbrochen träumen wir von Wurst, von dem, nicht nur für den deutschen Dichter Ernst Jandl, schönsten Wort auf der Welt. Ja, die Wurst ist trotz Schweinepest und BSE in aller Munde. Selbst das Jugendmagazin „Neon“ presst in jeder Ausgabe die „Wurst des Monats“ auf Hochglanzpapier. Und wer erinnert sich nicht an Helge Schneiders fulminanten Auftritt 1997 als „Wurstfachverkäuferin“? Noch einmal zum Mitsingen:
„Ich bin der Wurstfach-, ja der Wurstfach-, ja der Wurstfachverkäuferin.
Ja die Wurst ist, ja die Wurst ist, ja die Wurst ist mein Lebenssinn. Da an der anderen Theke, das ist doch Käse.
An der Wursttheke, da ist Polonaise.
Abends tu ich dann um kurz nach halb sieben den ganzen Kladderadatsch in die Kühlkammer schieben.“
Geträumt und rumgewurschtelt wird selbstverständlich überall auf der Welt. Doch wir sind in eine Zeit geworfen, in der alles vorläufig ist. Und jede Epoche träumt nicht nur die nächste, sondern träumend drängt sie auf ihr Erwachen hin. So trägt unser Zeitalter sein Ende bereits in sich und entfaltet es, indem es sich selbst wurst wird. Haben wir dies erst einmal geschluckt, das heißt: verstanden, dann ist es umso skandalöser, dass bislang kein Denker auf den Gedanken gekommen ist, die Wurst einer Existenzialanalyse zu unterziehen. Eine an Bloch und der Tübinger Wurstschule orientierte Daseinsdiagnose vollzöge die Zueignung des Verstandenen, aber noch Eingehüllten, der Enthüllung immer unter der Führung einer Hinsicht, die das fixierte, im Hinblick worauf das Verstandene ausgelegt werden sollte.
Was, so müssen wir dann jedoch fragen, ist dies Eingehüllte denn anderes als die Wurst? Was ist die Hülle anderes als Pelle? Und wo anders könnte das so Verstandene ausgelegt werden als in einer Wursttheke? Wir müssen mithin, wollen wir unsere Träume richtig deuten lernen, eine existenziale Analytik des Daseins durchführen, die in ihrem vorbereitenden Stadium das In-der-Wurst-sein zum leitenden Thema hätte. Das Sein, welches wesentlich durch die Wurst in ihrem An und Für sich konstituiert wird, bringt ihr Da ja von Haus aus, besser: vom Schlachthof mit. Wo Blut war, soll Wurst, soll eine mehr sein. Das meint nichts weniger als die endlose Reproduktion der Singularität, das heißt das Wiederholungsprinzip der Fabrikation, die den darin implizit angelegten Todestrieb als Traum eines Übergangs von der Soft-Ware, nämlich dem pulsierenden, blutgefüllten Tier, zur Hard-Ware, dem toten Stück Fleisch, aufscheinen lässt. Mit Einverleibung maschinell gefertigter Massenprodukte geht der Tod freilich durch den eigenen Leib hindurch. Letztlich bedeutet dies vor der Folie des Wursttraums eine Reduktion der menschlichen Psyche auf ein Ding der technologischen Manipulation, zwischen dessen verknoteten Enden wir uns träumend hin und her bewegen. Der Traum selbst nimmt hierbei die Form einer Wurst an. Das Credo: Wo Unbewusstes war, soll Bewurstung sein.
Gewiss bleibt das bislang Herausgestellte vielfältig ergänzungsbedürftig im Hinblick auf eine geschlossene Ausarbeitung des existenzialen Apriori des Wurst-seins, die wir an diesem Ort jedoch nicht leisten können. Hier sei nur angemerkt, dass ohne Wurst weder die Herren Kohl und Calmund, noch Fat Actress-Star Kirstie Alley in ihr jetziges Daseins- oder vielmehr Wurststadium hätten eintreten können. Doch ist leicht verständlich, dass genau dies die Bedingung der Möglichkeit von Welt überhaupt sein muss. Führten wir nun von dieser Prämisse ausgehend bei den oben Genannten eine Charakterstudie anhand von Quantität und Qualität ihrer Nahrungsmittelaufnahme durch, zeigte sich die wahre Vielfalt des im Singular eingesperrten Traumobjekts.
Die insofern konkret-unkonkrete Utopie von einer Wurst mehr verifiziert meines Erachtens unter Bezugnahme auf die ausgewählten Probanden die alte, aus dem 17. Jahrhundert stammende, cartesische Annahme der Koinzidenz von res cogitans und res extensa: Cogito, ergo sum – Ich träume, also konsumiere ich. Traurigerweise hat sich das Verhältnis inzwischen zuungunsten der res cogitans entwickelt, wie uns die Veröffentlichungen der Deutschen Adipositas-Gesellschaft belegen. Die Masse herrscht über die Muße. Irrungen und Wirrungen sind die Folge allerorten. Doch meint „Wurst“ etymologisch beleuchtet genau dies: Die Wirren einer Zeit, die ihren Träumen nicht mehr auf die Pelle zu rücken vermag, eine Zeit, die im Kutter der Halluzinationen ihre schönsten Dystopien zu einer homogenen Fleischmasse ohne Struktur weiterverarbeitet hat.
Was bedeutet das alles nun für unsere Ausgangsthese? Blochs Diktum, man könne auch nur davon träumen, eine Wurst mehr zu haben, symbolisiert in diesem Zusammenhang den Traum von unerfüllter Macht, vom Herrensignifikanten konkreter Utopien und nicht erlangtem Reichtum auf dem Schlachtfeld einer Welt, der die Wirklichkeit wurst geworden ist.
Bereits am 14. Oktober 1967 schrieb Martin Walser in der Bonner Rundschau: „Als ich Bloch gelesen hatte, dachte ich, er ist ein Ketzer.“ Wir dürfen dieser Einschätzung folgende hinzufügen: Das Brevier der Bescheidenheit, seinerzeit angesiedelt zwischen marxistischem Rationalismus und Eschatologie, entpuppt sich insbesondere vor der Lektüre der Freudschen Vorlesungen rasch als Analgigantomanie. Deren teleologischer Imperativ lautet: Werde, was du isst: Was Wurst war, muss Wurst anderer Qualität werden, um wahr werden zu können. Wenn es jedoch wahr ist, dass die Psychoanalyse die natürliche Reaktion auf eine Welt ist, der die Wirklichkeit abhanden kam, so offenbart sich der Traum von einer Wurst mehr leicht als fleischgewordene Überheblichkeit in einer übersättigten Gesellschaft. Doch genau hiermit rührt Bloch, von seinem Sohn einst liebevoll „Lederstrumpf der Utopie“ genannt, an einen wunden Punkt unserer Zeit. Denn im Grunde halten wir uns alle für große Wurstexperten und träumen vom großen Wurf, auch wenn wir selbst nur ganz kleine Würstchen vor dem Herrn im Gewande eines Metzgermeisters sind.
Lassen Sie mich aus diesem Grund mit einem kurzen Plädoyer schließen. Denn fortan gilt es vor allem für die vegetarisch Gestimmten unter uns, so zu leben, als sei uns von nun an nichts mehr wirklich wurst. Und das heißt: Wir müssen aufwachen zwischen den Schnittstellen einer Welt, deren Pelle, sprich: deren Hülle, das Heilige schlechthin, unlängst Risse bekommen hat. Wir benagen inzwischen nur noch Knochen, an denen schon lange kein Fleisch mehr hängt und glauben selbstgefällig, damit ein bisschen die Welt retten zu können. Nein! Fortan müssen wir vielmehr das Wachen und die Wachsamkeit zwischen all den toten Scheiben Fleisch pflegen. Das Wachsein führt Widerstände ein, Widerstände gegen Träume, die wir nur aus der Erinnerung kennen. Wäre es darüber hinaus aber nicht auch an der Zeit, die Tofuträume zu promovieren, ohne aber den Traum von der einen Wurst mehr außer acht zu lassen, weil er uns letztlich die Möglichkeit des Unmöglichen aufzeigt. Er lässt uns die Konturen der Realität als Vexierbild unseres Selbst entziffern, indem er eine Metamorphose der Traumdeutung vornimmt: Ja, ja, Jagd-, Bier- und Knackwurst symbolisieren den Übergang von der Flora zur Fauna triebtheoretischer Reflexionen. Denn was in der Universalpoesie der Frühromantiker als Suche nach der blauen Blume begann, endet in Blochs spätromantischem Anekdotenbuch aus dem Jahr 1930 im Ausverkauf eines toten Tiers, das zugleich unser Schicksal geworden ist. Zum Glück hat alles, auch der schrecklichste Albtraum irgendwann ein Ende. Nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Doch auf ein Happy End werden wir wohl weiter warten müssen.

 
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