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„ Traumminuten Traumsekunden “

Selma Agirgöl

 
Ballade

I

Grün unter uns
Blau über uns
ein Versuch Grashalme zu zählen
ein Versuch Träume zu zählen
unendlich und eins als Ergebnis
ein Grün ein Traum
Glück
mit leichtem Gepäck

ein paar Stationen weiter
sind die Koffer schwerer geworden
sie haben ihren Platz gefunden
in vier Wänden mit Tapete
der Traum von Ankunft ist wahr geworden
tapetenmusterwahr
der Blick aus dem Fenster: Blau Grün ein Traum
ein Traum die Tapete zu verraten
die Koffer nochmal zu packen
helle Flecken bleiben dort wo sie standen
hinter ihrem Rücken ein Stück Unberührtheit Unverfälschtheit
bewahrten
während Träume zu Tapetenmuster wurden

übertüncht zugekleistert mit Staub bedeckt
dämmert dahin
was nicht wahr sein sollte
aber doch wahr ist
Ausbruch Licht ein Traum
vielleicht bald
bald
ein vager Traum
der wahr werden müsste
oder doch lieber –

Verlust
Traum oder Alptraum
unser Hab und Gut fährt auf dem Fließband davon
im Baum dort oben eine Taube
wir halten uns fest ein gelbes Blatt in der Hand
ist das nicht besser
hätten wir je fliegen gelernt
mit all dem Gepäck

 

II

die nächste Minute die nächste Sekunde
offenbaren unsere Träume
von der nächsten Minute der nächsten Sekunde
Träume die wir träumen ohne sie zu kennen
bis zur nächsten Minute nächsten Sekunde

wir träumen von Ankunft
der Stille zwischen dem Klingeln an der Tür und dem Öffnen
der Stille, in der die Ewigkeit schrumpft
und der Moment in uns aufbraust

wir träumen von der alten Zeit
so weit
und keine Zeit
für die Fehler von heute

wir träumen von der alten Zeit
wo wir fragen können „wenn?“
grenzenlos bedingungslos
unendlich viele Träume träumen
wenn wenn wenn
heute müssen wir Bedingungen erfüllen
wenn nicht, dann
ja dann –

wir träumen von dem was war
wir träumen weil wir nicht wissen
warum war warum ist
wir träumen bis wir wissen
warum war warum ist
und träumen weiter
manchmal ein Leben lang
vor zurück vor zurück
ohne je anzukommen
im Traum und im Leben

wir träumen von Aufbruch
nichts bleibt liegen
wir gehen allein oder alle gehen mit
träumen wir von Aufbruch oder von Weggang
wie viel leichter träumt es sich wegzugehen
als aufzubrechen
auszubrechen
und doch immer da zu sein

Erkenntnis oder Besitz
wovon träumen wir
länger und lieber
uns auf den Weg zu machen
Schritte zu träumen Schritte zu sehen Schritte zu gehen
oder zu verharren
Schätze zu träumen Schätze zu sehen in Schätzen unterzugehen

 

III

unter uns Platten
Moos
eine Erinnerung an den Wald
längst verschwunden
Sachlichkeit
hieß der Traum
ein positiver Traum
der die Sorgen nehmen sollte
doch da liegen sie nun
in den rechten Winkeln
schauen uns unverfroren an
keine Wurzel mehr kein Blatt
das uns trösten könnte
an einem Sonntagnachmittag

Zurück in die Zukunft
heißt jetzt der Traum
Abenteuer
Wege ohne Ende
aber Träume
vom Wald
vom Meer
vom Eis
wer weiß

die Rose ging
das Rot blieb
unendlich der Traum
vom Rot
im Herbst
nur der Winter hilft
Winterworte
still
aber reich an Träumen
von Rosen

Antwort
die Jahre sind gekommen
aber kein Brief
der Traum aber kommt immer wieder
Antwort Antwort Antwort
sinnlos nutzlos
der Briefkasten ist der Aussichtspunkt
doch der Traum kein Licht

aber aber aber aber
Widersprüche Veränderung ersehnen wir in unseren Träumen
erklären warum
begeistert
warum aber warum aber
der Nachmittag unter dem grünen Baum
ohne Bremse
der Herbst kommt nie

er kommt dann doch
wir haben vom Sommer geträumt
und halten plötzlich ein Blatt in der Hand
Rechnung: zu widersprechend nicht durchsetzbar wie könnte ein
Kompromiss aussehen
warum aber – keine Veränderung

Samtsessel ein Traum
draußen die Straße
schnell grau
die Sekunden warten wenn ich die Tür hinter mir schließe
wieder draußen stolpere ich über sie
Samtsessel kein Traum mehr
Alptraum
Schritt halten ein Traum

am Morgen an der Haltestelle
die Abfahrt ein Traum
es regnet
noch einer kommt
dann noch einer
dann geht einer wieder
es dauert zu lange für den Traum von Abfahrt
der Bus ist voll
die Ankunft ein Traum
er fährt langsam
zu langsam für den Traum von Ankunft
keine Träume mehr
vielleicht hätten wir nach Hause gehen sollen

zu Hause träumen wir den Traum vom Strand
den Traum vom Horizont
Abfahrt und Ankunft gibt es nicht mehr
lange vermessen wir den Horizont
plötzlich hören wir Schritte hinter uns
der Bus kommt
schnell
er fährt zum Horizont
wieder Träume von Abfahrt und Ankunft

 

IV

vor dem Fenster ein Baum
unten der alte Mann, jeden Tag
wovon träumt er?
träumt er oder hat er zu viel gesehen
um träumen zu können
Krieg Verlust Hoffnungslosigkeit
vielleicht träumt er vom träumen

manchmal begegnen wir uns auf der Straße, er und ich
Guten Tag
in seinen Augen ist Wasser
Guten Tag

da sehe ich wovon er träumt
sein Traum ist sein Leben
er ist alt
mein Traum ist mein Leben
ich bin jung
wir halten beide ein Blatt in der Hand
ein volles
ein leeres
im Traum beschreiben wir es
im Traum lesen wir es
im Traum lesen wir unser Leben, in dem wir unseren Traum schreiben
im Traum schreiben wir unser Leben, in dem wir unseren Traum lesen

unser Leben ist unser Traum
unser Traum ist unser Leben
unser einziges
unser einziger

 
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