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„Traumgeschichten“

Evelin Juen

 
Prolog

Ist zu ermessen, wie viele Träume ein einzelner Mensch im Laufe seines Lebens träumt, wie viele verschleierte Botschaften des Nachts auf ihn warten, wie viele sehnsuchtsvolle Wünsche es sind, auf deren Erfüllung er Tag für Tag wartet? Multipliziert man das Unermessliche mit der Anzahl der auf Erden lebenden Menschen, kommt wohl eine unendliche Anzahl von Träumen dabei heraus. Eigentlich sind sie es, die uns alle miteinander verbinden. Die großen und die kleinen Träume, die sich verwirren und verknüpfen mit denen der anderen und die sich manchmal sogar das Selbe erträumen.
Ein Netz der Hoffnungen, das sich über die Unbill des Lebens legt und uns immer wieder aufzufangen vermag. Ein Netz der Wünsche, in dem wir uns verstricken, nicht alles, was erträumt wurde, sollte erfüllt werden, nicht jeder Traum hält, was er an Glück versprochen hat. Ein Netz der Begierden, das uns fängt und hilflos zappeln lässt, uns selbst und andere verletzend, bis hin zur Zerstörung. Ein Netz der Visionen, das uns dem Göttlichen entgegenträgt, dem Himmel und der Hölle näher, weit über uns hinaus, tief in unser Innerstes hinein, bis das Unmögliche möglich gemacht ist.
Es gibt keine fixen Koordinaten, die Welt ist im steten Wandlungsprozess des Lebens ein guter Nährboden für Träume, schon der kleinste Teil der Erde hat Milliarden davon in sich aufgenommen und weitergeträumt, während das Vergängliche vergeht.
Schickt uns das Leben die Träume oder verdichten sich Träume irgendwann zu einem Leben? Das geträumte Leben, der gelebte Traum, wer kann schon entscheiden, was das eine ohne das andere wäre?
Immer ist alles neu, von Anbeginn der Menschheit. Immer ist alles schon gewesen, bis ans Ende der Menschheit.

Mensch

‚Wovon träumst du?’ fragt er mich mit einem leichten Lächeln in seinen Augen. Warum er diese Frage gerade jetzt stellt, wo es nur eine einzige, dringliche Antwort darauf gab. Hätte er sie mir vor einem Monat gestellt, und wäre ich damals bereit gewesen zu antworten, dann würden wir jetzt nicht an diesem gottverlassenen Ort festsitzen. Nein, nicht gottverlassen, das stimmt nicht, ganz im Gegenteil.
Menschenleer, das ja. Er wartet immer noch auf eine Antwort von mir, er meint es tatsächlich ernst. ‚Wasser!’ schreie ich ihm ins Gesicht und noch einmal, lauter, in die unerbittliche Trockenheit der Landschaft hinein ‚Wasser!’. Mein verzweifeltes Rufen prallt an den wunderschön rotglühenden Felsen ab, die sich in stoischer Ewigkeit aus der Weite erheben, und das Wort zerfällt noch bevor es wahr werden kann, zu Staub. Er streichelt mir beruhigend über den Kopf, über die dicht verfilzte Matte aus Sand und Haar und flüstert mir Koseworte ins Ohr, damit ich sie verstehen kann, ehe sie von der Stille der Wüste geschluckt werden.
Ich liege auf dem Rücken, bin auf dem Weg zur Mumifizierung. Das Glitzern über mir hängt im luftleeren Raum, ein Raum, so rein und klar, dass es nur der Himmel sein kann, in den ich falle. Das Schwarz nimmt mich auf, zieht mich hinauf zu den funkelnden Lichtern, zu den längst gestorbenen, vor Jahrmillionen Erloschenen. Höher, in den zeitleeren Zustand hinein, wo sich das, was gewesen ist, das, was ist, und das, was sein wird, auf wundersame Weise miteinander verbinden.
‚Vielleicht ist es das, wovon wir träumen, dass unser Leuchten in der Ewigkeit von jemandem anderen bestaunt wird’, will ich zu ihm sagen. Aber die Risse meiner Lippen haben sich zu einer salzigen Kruste verbunden, öffnen sich nicht und ich schlucke den Gedanken zusammen mit ein bisschen Spucke, die ich mühsam sammle, hinunter.

Mensch

Der Himmel hüllt mich ein, so dass ich die Umrisse der Nacht erkennen kann. Ohne ein Geräusch laufe ich durch den nur scheinbar schlafenden Wald, ich spüre die Anwesenheit der Tiere, die mich inzwischen am Geruch erkennen und als Teil der Dunkelheit akzeptieren. Der Boden ist heute weniger federnd unter meinen bloßen Füßen, er beginnt sich zu verhärten. Ich spüre die Kälte nicht, wenn ich in Bewegung bin, meine heißen Sohlen schmelzen den Frost der Erde und mein Atemhauch legt sich als Wasserschleier über die Äste der Bäume.
Mein Oberkörper pendelt leicht im Rhythmus meiner Beine, fängt die Botschaft ihrer Muskeln auf und den Strom ihrer pochenden Adern. Leichtfüßig über die Unebenheiten des Waldbodens, die Wurzeln, die Steine, das Leben. Ich kann Haken schlagen, wann ich will, sekundenschnell wechsle ich die Richtung, die Schritte nicht weniger schnell als der Gedanke. Und dann tanze ich mit den Silhouetten der Farne, schmiege mich an die Silbermondhaut der Pilze und stehe dann ganz einfach da. Ich stehe nur und kann das Moos fühlen und die Wurzeln der Moose und die Erde um die Wurzeln der Moose.
Der Mond nimmt zu, baut auf, wächst dem Höhepunkt entgegen bis zur Vollendung.
Dann ist es am schlimmsten. Nicht nur die Phantomschmerzen. Auch nicht der Traum, der immer wiederkehrende, seit damals. Es ist das Aufwachen, das immer wiederkehrende Aufwachen, seit damals. Ich blicke durchs Fenster, vom Bett aus kann ich über den Dächern der Häuser ein paar Baumwipfel sehen. Es scheint stürmisch zu sein, denn sie biegen sich und winken wie verrückt. Die Vollmondnächte machen meine Beine wieder heil, auf wunderbare, magische Weise hauchen sie ihnen Leben ein, so wirklich, so wahr, dass ich das Licht nicht mehr ertragen kann, das der kommende Tag bringt. Ich schlage die Decke zurück, vermeide es nach unten zu schauen, ziehe mich gekonnt auf den Stuhl, der neben dem Bett bereit steht, und rolle ins Badezimmer.

Mensch

‚Wenn ich je einem Menschen begegnet bin, der mir die Leere der Wüste füllen kann, dann bist das du. Ich spüre, dass du es bist!’ Er sagt das mit einer Bestimmtheit, die mich mundtot macht und er hält es für Gerührtheit. Irgendwie stimmt das ja auch.
‚Wie wichtig dir diese Reise ist! Wie sehr du allein schon die Vorstellung daran genießt, unter sengender Sonne das glühende Nichts zu durchqueren, zurückgeworfen auf dich selbst, ganz nah an den Grenzen. Ich weiß davon, und ich bewundere deine unerschütterliche Art an deinen Träumen festzuhalten, von denen du so viele hast. Es gibt Träume, die verfliegen, kaum dass sie geboren sind, und du wischt sie dann mit der vertrauten, fahrigen Geste von deiner Stirn. Andere bleiben, nisten sich ein, bauen Luftschlösser in den Windungen deines Gehirns und den Kammern deines Herzens, und warten geduldig darauf, dass du sie zum Leben erweckst. Manche aber sind da, seit du ein Junge warst. Sie haben dich zu dem gemacht, den ich liebe.’
‚Die sternenüberzogene Intensität einer kalten Wüstennacht, als Initiation, als reinigendes Ritual im Prozess einer Entwicklung. Nur der Sand und die zuerst irritierende, dann transzendentale Abwesenheit von allem. Allein, im Wettstreit mit einer unbarmherzigen, mit elementarer Schönheit betäubenden Landschaft, die dich dennoch zu äußerster Konzentration zwingt, bis alles schließlich in Meditation mündet. Einmal im Leben, sich mit der Wüste messen, sich dem Extrem der Natur ausliefern! Verwandeln lassen von einer Zeit, die uns unvergesslich bleiben wird’, du schwärmst mit sehnsuchtsvollem Flehen in der Stimme, und mein Bedürfnis dich glücklich zu sehen, lässt mich meine Vorbehalte vergessen, meine Pläne scheinen nicht mehr so dringlich zu sein.
‚Dann sollten wir bald mit den Vorbereitungen beginnen’, erwidere ich und lächle, weil dein Strahlen mich erhellt.

Mensch

Ich höre den Aufprall, ein dunkles, alles zerstörendes Geräusch, und dann den Schrei. Das hat sich in meine Seele eingebrannt, in mein Herz, in meinen Kopf. Ich hole die Kinder von der Schule ab, bin spät dran. Es regnet schon seit dem Morgen in dünnen Fäden, die sich zu einem grauen Netz verweben. Alles verschwimmt ein wenig. Aber es sieht schön aus, melancholisch und gemütlich, die verfrüht eingeschalteten Lichter im Inneren der Häuser, das zarte Klopfen der Tropfen auf dem Auto. Ich denke gerade darüber nach, wie glücklich ich doch bin, dann der Aufprall, der Schrei.
Mein Leben ist mir fremd, seit ich ihr Leben gewaltsam verstümmelt habe. Weil die Alpträume meine Schuld immer und immer wieder bezeugen und die Absolution für das, was geschehen ist, niemals erteilt werden kann, quäle ich mich durch den Tag, kümmere mich um meine Familie so gut ich es vermag. Die Kinder haben Angst, weil sie diese unüberwindbare Traurigkeit spüren, die mich von ihnen weg, in eine andere Welt geworfen hat. Sie klammern sich an mich, halten mich fest, damit ich nicht den Boden unter den Füßen verliere. Du hilfst mir durch die Zeiten, bist einfach da, liebst mich trotzdem ohne den geringsten Zweifel, lässt dich nicht von der tiefgreifenden Veränderung meines Wesens entmutigen. Du glaubst immer noch daran, dass wir wieder einmal ein normales Leben führen werden.
Aber ich weiß, dass ich niemals aufhören werde zu zittern. Sie sitzt sehr aufrecht im Rollstuhl, wirkt so klein und zerbrechlich, als wäre durch den Verlust ihrer Beine von ihrem Körper gar nichts mehr übrig geblieben. Sie schaut starr geradeaus, über die nicht vorhanden Gliedmaßen hinweg, angestrengt mit den Kiefern mahlend, fest entschlossen, mich nicht anzusehen. Ich kann mit ihrem Hass nicht umgehen, versuche ungeschickt, ihr den Hass zu erklären, den ich für mich selbst empfinde.
‚Ich wünsche dir böse Träume’, zischt sie, bevor sie sich abwendet und den langen Gang hinunter rollt.

Mensch

Keiner, nicht einmal mein Vater, der mich gelehrt hat, nach den Sternen zu greifen hat es wirklich für möglich gehalten. Und dennoch ist es wahr geworden. Den Grund dafür weiß ich nicht, will ich auch gar nicht wissen, ich überlasse mich einfach dem Hochgefühl und bin inzwischen demütig genug, an Wunder zu glauben.
Die ersten Klänge schweben wie ein vom Baum fallendes Blatt, schaukeln sich sanft hinein in die Stille, legen eine Spur für das Kommende. Schon folgen die nächsten und nächsten Töne, vom Wind gewirbelte Melodien, deren bunte Pracht sich in die Ohren schmeichelt und die Augen verwundert nach dem Ursprung suchen lassen. Doch alles, was sie sehen, ist eine zarte, junge Frau, die steif wie ein Stock auf der riesigen Bühne sitzt. Einzig und allein ihr Mund bewegt sich, formt Worte und lässt sie als Musik erklingen, die nicht von diesem halben Körper zu kommen scheint, die vielmehr aus dem Universum herabsinkt und den Zauber der Unbegreiflichkeit an alle Anwesenden verschenkt.
Nachher, in der Garderobe, sitzt sie vor dem Spiegel und betrachtet verwundert ihr Gesicht. Noch vor ein paar Jahren hat sie ein Traum davon abgehalten zu leben, indem er ihr Unwiederbringliches vorgegaukelt hat, sodass die Gegenwart nur in Dunkelheit gehüllt auszuhalten war. Jetzt lebt sie einen Traum, der den gleichen Ursprung hat wie der, den sie inzwischen – Gott sei Dank! – nicht mehr träumt. Seit sie wieder nach vorne schaut, sich selbst betrachtet, ohne Entsetzten zu empfinden, seit ihr die Musik den Körper wieder ganz macht, ja mehr noch, ihn zu etwas Einzigartigem macht, ist sie glücklicher, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Die Gesangsstunden waren eigentlich nur als Therapie gedacht. Anfangs hat sie abgelehnt, konnte sich nicht überwinden zu verzeihen. Ihr Vater hat sie bedrängt, solange bis sie schließlich einwilligte, das Angebot der verhassten Frau die ihr alles genommen hatte, anzunehmen. Und dann, das Wunder ihrer Stimme, die Erleichterung, den Hass gegen die Hoffnung einzutauschen und Frieden zu schließen. Sie lacht sich selbst zu und zeigt dem Spiegel die Zunge, bevor sie das Licht löscht.

Mensch

Du hattest Recht. Mit deiner Zuversicht, deinem Glauben an die Liebe. Das Universum hat sich meiner erbarmt und ich habe zum zweitenmal ein neues Leben geschenkt bekommen. Damals, nach der Wüste, im Spital, noch an der Grenze zwischen Vergehen und Sein, hat mich die Sehnsucht nach dir am Aufgeben gehindert, und das, was ich nicht aussprechen konnte vorher, weil ich nur manchmal davon geträumt hatte, zu wenig real noch für mich selbst, zu unbestimmt, um nicht davon verunsichert zu sein, dass du das selbe unbestimmte Verlangen verspüren könntest. Du und unsere ungeborenen Kinder haben mich damals gerettet.
Und nun, wieder hast du es geschafft. Hast mich mit der angesammelten Kraft der Verbundenheit über viele glückliche Jahre hinweg zum zweiten Mal ins Reich der Lebendigkeit zurückgeholt. Wie hätte ich mir jemals selbst wieder ein erfülltes Dasein zugestehen können, nach dem Unglück, das ich über sie gebracht habe. Ein Kind noch, nicht viel älter als unsere, und meine Angst ist gewachsen von Tag zu Tag, ihr Hass und meiner haben sich zu einer klebrigen Masse verdichtet, die mich eingehüllt und fast erstickt hat. Du hast mich behutsam aus dem Loch geholt, ‚halt dich fest an meiner Liebe’, hast du gesagt, ‚ich ziehe dich herauf, der Schacht kann gar nicht so tief sein, dass du das Seil, das ich dir zuwerfe, nicht fassen könntest.’ Langsam, unendlich langsam. Fast wäre alles, was mir lieb ist, mit mir in den Untergang gerissen worden, und ich konnte nur hilflos dabei zusehen, neben mir stehend, dich mit deinen Bemühungen allein lassend.
Du und deine Träume. ‚Geh zu ihr’, hast du gesagt. ‚Nimm die Kinder mit, es ist höchste Zeit, dass sie sich kennen lernen. Schlag ihr vor, auch Musikstunden zu nehmen, du weißt, wie glücklich unsere Kleinen die Musik macht, wer weiß, vielleicht kann es auch ihr helfen. Ich habe sie singen gesehen gestern Nacht, alle drei, es war ein schöner Traum.’ Das ist jetzt fünf Jahre her und ich kann wieder atmen, lachen, meinen Kindern das geben, was ihnen zusteht, bin wieder Mutter, Ehefrau, bin wieder in mir. Die Freude hat sich wie ein wärmendes Licht in unser aller Kälte geschlichen und die Schwermut durch Zuversicht ersetzt.

 
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