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„Vor dem Umsteigen“

Myriam Keil

 
Als ich Platz nehme, ist sie bereits da. Gegenüber dem Regiment leerer Stühle verliert sich ihre Überlegenheit, alleine ist sie, abgeschlagen von allem, verletzlich. Drei Reihen vor mir sitzt ein blasser bebrillter Zeitgenosse, sich selbst genügend und steif, als hätte er einen Stock im Rücken. Sie sieht sich um, über ihre Hände läuft ein schwaches Zittern wie ein dünner Stromfluss. „Sind Sie die einzigen?“, fragt sie. Feststellend. Der blasse Typ dreht sich um, wir sehen einander kurz an; ja, scheint fast so. Sie seufzt. Sie ist verpflichtet, die Vorlesung zu halten, wenn zwei Studenten anwesend sind. Ihr Blick wandert zwischen dem blassen Kerl und mir hin und her, sie scheint zu überlegen, wer von uns beiden leichter dazu zu bewegen sein könnte, den Hörsaal zu verlassen, damit die Vorlesung ausfallen kann. Der blasse Typ rückt seine Brille zurecht, daraufhin macht sie Anstalten, sich für mich zu entscheiden, doch ich halte ihrem Blick stand. Ich bin hier und habe das Recht dazu, auch wenn es nur eine verlorene Wette ist, die mich ausharren lässt. Ich sehe auf meine Armbanduhr, denke an die anderen, die draußen in der Sonne hocken, sich ins Fäustchen lachen, Marco und Sascha allen voran. Der Streik wird bestimmt noch eine Weile dauern. Dem Blassen wird es keiner übel nehmen, dass er die Vorlesung besucht, aber mich macht mein Hiersein zum Gespött.
Sie hat begonnen, den Minuten Farbe zu verleihen. Erstaunlich, die Vorlesung ist nicht einmal halb so langweilig, wie ich befürchtet habe. Ich zeichne Strichmännchen auf ein Blatt Papier, um nicht zugeben zu müssen, dass ich den Stoff interessant finde. Der Blasse saugt ihre Worte in sich auf wie ein niemals wirklich nass werdender Schwamm, zwischen den Ritzen der Jalousie quälen sich heiße Sonnenstrahlen hindurch. Ich beobachte die immer gleiche Geste, mit der sie die Haare aus ihrer Stirn streicht. Sie ist zu jung, eigentlich, um Tag für Tag dort vorne zu stehen und sich die Haut vom Licht des Projektors gerben zu lassen.
Als sie endet, fühle ich mich leer. Sie kann nichts dafür, ahnt es wahrscheinlich nicht einmal. Es war ein geradezu unschuldiger Wetteinsatz, ungewöhnlich nichtssagend, wenn ich ihn mit meinen bisherigen vergleiche. Der Blasse hat den Hörsaal verlassen. Sie sieht mich verwundert an, noch immer sitze ich wie festgenagelt auf meinem Platz. Sie sagt jedoch nichts. Als sie gegangen ist, bin ich nur ein unwesentliches Stück mehr allein. Es riecht nach den Überresten von Gedanken, die Stille ist gegenständlich wie ein fester Körper. Ich beschließe, den Streik Streik sein zu lassen und nach Hause zu fahren.
In der U-Bahn lacht er, mir gegenüber. Du bist neu hier, sagt er. Ich begreife nicht. Ich kenne ihn nicht, er ist mir fremd, nein, sollte es sein. Ich sammle meine Gedanken, Gedanken sammeln ist schwer mit dem Klang der Professorinnenstimme in meiner Erinnerung. Zuviel Sonne, was? Sagt er. Nein, ich war nicht auf der Wiese. Habe die Vorlesung besucht. Bei der, die sich die Haut vom Licht des Projektors gerben lässt? Will er wissen. Woher weiß er davon? Ich presse die Hände vors Gesicht, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, nur die Augen zu schließen genügt nicht, genügt schon lange nicht mehr. Zweimal hält die U-Bahn an, dann lasse ich meine Hände sinken. Er ist fort, der Platz mir gegenüber leer. Ich lehne mich nach vorn, befühle den Sitz, er ist kalt.
Ich bin ausgestiegen, zu früh. Habe es nicht mehr ausgehalten in den engen Tunneln. Im Freien trifft mich die Sonne mit voller Wucht. Die Autos machen Geräusche wie kämpfende Tiere. Du hier?, fragt eine Stimme; Anja, sie hat mitgemacht beim Streik. Wohin des Wegs? Ich zucke mit den Schultern. Ich will allein sein, die Stadt ist groß, wieso muss ich sie ausgerechnet hier treffen? Sie bleibt zurück mit verständnislosem Blick, ich spüre Rätselraten in meinem Rücken.
An manchen Tagen im Winter haben wir auf den Schnee gewartet. Du hast gesagt, einen Iglu zu bauen sei nicht schwer. Trotzdem waren die kleinen Schneehöhlen, die wir zustande gebracht haben, gerade mal groß genug für unsere Beine. Tage später, wenn der Schnee in sich zusammensank, bekam er eine Kruste wie Crème Brûlée. Du hast mit den Fingerkuppen auf den Eiskristallen gespielt, auf einem unsichtbaren Klavier. Wenn du die Tasten zu hart angeschlagen hast, brach die Kruste mit einem Geräusch, das nur ich hören konnte.
Zu Hause schlägt Tom mit den Fingern einen kaum hörbaren Takt auf der Tischplatte. Ich werde schläfrig und versuche, es mir nicht anmerken zu lassen. An der Wand neben dem Schrank sitzt eine Fliege, kriecht langsam vorwärts, in eine unbestimmte Richtung, sie scheint selbst nicht zu wissen wohin. Wie war’s in der Uni, fragt Tom. Wie war’s im Möbelhaus, frage ich. Beschissener Job, sagt Tom, ich glaub, ich werd da nächste Woche kündigen. Dann erzählt er von dem Urlaub, den er mit mir machen möchte. Irland, sagt er, da wolltest du doch immer mal hin. Ich sehe aus dem Fenster, an dem sich die Fliege inzwischen niedergelassen hat und nervös hin und her läuft. Tom redet weiter von Irland, dann wird Irland zu Mallorca, zu Amerika, zu den Seychellen.
Als er ins Bett geht, tue ich so, als schliefe ich bereits. Er legt sich neben mich auf die linke Seite des Bettes, auf die Decke, nicht darunter. Wenn er vor mir schlafen geht, kann es sein, dass er auf der rechten Seite liegt, obwohl er weiß, dass ich links nicht schlafen kann. Man braucht einen festen Bezugspunkt im Leben, und nichts scheint mir da geeigneter als eine einheitliche Seitenaufteilung der Schlafstätte. Toms Hand schiebt verpackte Daunen mit leisem Knistern beiseite, wandert über meinen Hals, meine Brust. Ich atme in den Bauch. Seine Hand tastet zu meinen Bauch. Ich atme in die Brust. Tastet weiter, zwischen meine Beine. Ich halte den Atem an. Er flüstert mir Worte ins Ohr, die ich nicht verstehe. Die rote Leuchtanzeige des Weckers springt auf 23:28.
Ich habe einen Traum, hast du damals gesagt; deine Augen verrieten, dass es dir ernst war. Wir gingen barfuß am Strand entlang, unsere Schultern berührten sich für einen Augenblick. Einen Traum wovon, fragte ich in dein Schweigen hinein. Du hast auf den Horizont gedeutet. Ich will mich verlaufen, hast du gesagt, und aufhören, eine Narbe zu sein.
Das Meer hatte sich versteckt. Ein schmaler Priel bedeckte unsere Füße mit Kälte. Ich wollte von dir wissen, wieso du darauf bestanden hattest, dass wir an diesem Tag ans Meer fuhren. Du hast einen Moment lang überlegt; Sand zwischen den Zehen, hast du gesagt und gelächelt wie ein unglücklicher Riese. Ich folgte dem dünnen Wasserlauf und wartete auf etwas, das Beständigkeit symbolisieren könnte, das immer da ist, wie Sterne oder Kilometerpauschalen. Mein Fuß berührte die scharfkantige Bruchstelle einer zersprungenen Muschelschale. Sinnlos, hast du gesagt, und: Die Luft muss man zerschneiden, sonst reißt sie Wunden. Ich habe nach deiner Hand gegriffen, wollte dich führen, damit du nicht verloren gehen konntest. Du hast dich losgemacht, bist ins Meer hinein gelaufen, die Muschel hatte meinen Fuß verletzt. Das Wasser verschlang deine Beine, deine Hüften, deine Schultern, dein Haar. Meine Schritte folgten dir, saugten sich in den Grund des Meeres. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verging. Irgendwo unter der Wasseroberfläche bekam ich dich zu fassen, spürte einen Körper, der den Willen zum Atmen verloren hatte. Mit letzter Kraft habe ich dich ans Ufer gezerrt, wo du das Meer ausgespuckt hast, und ich wusste, du würdest mir niemals verzeihen, dass ich dich nicht aufgegeben hatte. Ich flüsterte dir Worte ins Ohr, sprach von dem Haus, in dem du leben würdest, dem Menschen an deiner Seite, der dazu gehören würde. Du hast versucht, mich zum Schweigen zu bringen; erzähle mir nichts von Dingen, die du nicht verstehst, hast du gesagt. Deine Stimme war schwach, und ich zählte die Stunden bis zum Sonnenuntergang. Es waren zu viele, stellte ich fest, als dass man mit Sicherheit durchhalten könnte.
Die Schneeglöckchen spielten die Tasten des Klaviers von unten an und brachen durch die verkrustete Schneedecke, während ich dir Geschichten vorlas. Du konntest nicht mehr nach draußen, du warst krank. Mutter hatte Kakao gemacht. Du konntest ihn nicht trinken. Du wolltest nicht, dass Mutter es merkte, und hast ihn in den Nachttopf gekippt. Ich habe dir dabei zugesehen. Ich bin ein paar Minuten älter als du, habe ich gesagt, ich werde immer auf dich aufpassen. An diesem Nachmittag habe ich die ersten Schneeglöckchen des Jahres für dich gepflückt. Du hast gesagt: Ich werde fort sein, und du wirst es nicht einmal bemerken.
Tom ist eingeschlafen. Er liegt immer noch auf der Decke. Seine Augäpfel zucken unter den Lidern. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Dort knipse ich das Licht an, reiße einen Zettel vom Notizblock, der auf der Arbeitsplatte liegt, und setze mich an den Tisch. Ich werde fort sein, und du wirst es nicht einmal bemerken, schreibe ich. Den Zettel hefte ich an die Nährwerttabelle, die neben dem Tisch an der Wand hängt. Ein Werbegeschenk, 1 x 1,2 Meter groß, orangefarben bedruckter Stoff mit schwarzen Buchstaben und Zahlen, grünen Gemüseabbildungen und leuchtend rotem Fleisch.
Die gepackte Reisetasche steht im Badezimmer hinter dem großen Wäschekorb. Sie steht dort seit einem Jahr. Damals bin ich mit Tom zusammengezogen. Ich betrachte den Staub auf dem wasserabweisenden Material. An den Stellen, wo die Reißverschlüsse sind, zieht bei Regen die Feuchtigkeit trotzdem ins Innere. Die rutschfeste Gummimatte in der Badewanne hat seit einiger Zeit Stockflecken. Ich streiche mit dem Zeigefinger darüber, und es erscheint mir falsch, dass ich sie nicht fühlen kann.
Als ich wieder neben Tom im Bett liege, höre ich ein Summen. Die Fliege hat keinen Weg nach draußen gefunden, irrt ziellos durchs Dunkel, obwohl sie eigentlich zur Ruhe kommen müsste. Wahrscheinlich hat sie schon länger keine Nahrung mehr gefunden. Nach einer Weile gibt sie auf, ich kann ihre Erschöpfung spüren, sie wird von ihr aufgefressen, langsam, von innen. Ich weiß, was sie jetzt tut. Sie putzt sich die Flügel, so wie alle Fliegen sich die Flügel putzen, selbst noch kurz vor dem Ende. Sie weiß nicht, dass sie morgen tot sein wird. Sie wird es nicht einmal dann wissen, wenn sie stirbt.
Ich habe dir all deine Lieblingsgeschichten vorgelesen. Als die Geschichten ausgingen, habe ich neue für dich erfunden. Es hat nichts genützt. Du warst fort. Ich habe es nicht bemerkt.
Am nächsten Tag ist der Streik vorbei. Die Professorin hält wieder Vorlesungen in voll besetzten Hörsälen, das Licht des Projektors streift von Zeit zu Zeit ihre Haut. Ich weiß nicht, ob sie Ursache ist oder Folge, in jedem Falle ist sie Begründung. Vielleicht für eine Veränderung, möglicherweise auch für den Stillstand. Ich schreibe ihre Worte mit, als seien sie die Eintrittskarte zu einem anderen Leben. Marco grinst, na Mädel, war’s nett gestern in der Vorlesung? Ich strecke ihm die Zunge raus. Es sind noch fünf Wochen bis zum Ende des Semesters. Am Mittag esse ich in der Mensa. Grünes Gemüse, rotes Fleisch. Ich überschlage im Kopf die Nährwerte. Schiebe mein Tablett in den Rollständer. Die Schlange vor der Essensausgabe ist länger als vor einer halben Stunde. Ich nehme meine Reisetasche und fahre mit dem Bus zum Flughafen. Irland, da wollte ich schon immer mal hin.
 
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