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„Wovon träumen wir?“

Johannes Lotze

 
Schweigen

In einer Nacht träume ich, ich hätte meinen alten Schulfreund Markus Sonnenschein, den ich seit acht Jahren nicht gesehen habe, angerufen, um ihm vorzuschlagen, sich mit mir irgendwo auf eine Tasse Kaffee zu treffen. Dieser Vorschlag wird verwirklicht und während wir trinken und uns lebhaft unterhalten, erwache ich. Der Eindruck des Traums begleitet mich den ganzen Tag und wird so stark, dass ich am Abend tatsächlich die Telefonnummer Markus Sonnenscheins in Erfahrung bringe, ihn anrufe und vorschlage, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen. Dieser Vorschlag wird verwirklicht und während wir trinken und uns lebhaft unterhalten ist es ganz so wie in meinem Traum, bis auf die Tatsache, dass ich nicht erwache. Auch sieht der echte Sonnenschein anders aus als der geträumte, da er sich in acht Jahren verändert hat: er trägt jetzt Bart und Brille. Dabei klingt sein Lachen aber noch wie früher. Die ganze Zeit fühle ich mich gedrängt, ihm neben allen anderen Dingen, die ich erzähle, auch von meinem Traum zu erzählen, unterlasse es jedoch, da es mir lächerlich erscheint. Als wir uns verabschieden, ist mein drängendes Mitteilungsbedürfnis unerklärlich heftig geworden. Doch immer noch erwähne ich den Traum mit keinem Wort.

Post

Bemerkenswert ist, dass hin und wieder alte Tagebucheinträge nur eine verschwommene Erinnerung an das, was einmal geschah, vermitteln, alte Aufzeichnungen von Träumen aber einen längst vergessenen, umfassenden Gefühlszustand jäh wieder zum Leben erwecken. Überrascht lese ich eines Tages diese neun Jahre alte Traumaufzeichnung: „Ich sehe mich selbst in einem Zimmer sitzen: plötzlich zerplatzt lautlos mein Kopf wie ein Ballon, sein Inhalt spritzt gegen alle Wände und läuft dort langsam herunter. Auch kopflos kann ich aber immer noch alles sehen: nämlich, dass meine Gedanken, wie eine Art Marmelade, von den Wänden rinnen und hinter der porösen Tapetenleiste versickern. Von dort werden sie von gnomenhaften Kindern mit Löffeln wieder hervorgekratzt und wortlos verspeist. Nichts davon erstaunt mich und ich denke nur: das musste ja irgendwann so kommen.“ Sofort erkenne ich in diesem Traum meine damalige Resignation über die Unfähigkeit, mich redend mitzuteilen. Stets hatte ich mich wie der Moses aus Schönbergs Oper gefühlt: ‚Meine Zunge ist ungelenk. Ich kann denken, aber nicht sprechen.’ Im Tagebuch ist über diese Unfähigkeit keine einzige Bemerkung zu finden, wohl weil ich mich immer dafür geschämt habe; im Traum wurde alles aufbewahrt wie in einer Flaschenpost. Sofort auch erkenne ich, dass ich nicht mehr bin, wer ich war; meinen zu jener Zeit bewusst formulierten Traum: Sprechen zu lernen, habe ich mir wenigstens in Ansätzen erfüllt; so hat die Flaschenpost nicht einfach wieder ihren Absender erreicht, sondern tatsächlich einen Anderen.

Leben

In einer Kneipe sitzt mir mein Freund L. mit einem großen Glas Bier gegenüber, zieht ein Feuerzeug aus der Hosentasche, zündet mit einer gewissen Feierlichkeit die auf unserem Tisch stehende Kerze an, als wolle er eine wichtige Rede zeremoniell einleiten, und sagt:
„Das Leben kommt mir mittlerweile wie ein Traum vor.“
Ich schaue in sein Gesicht, etwas erstaunt über die ungewöhnliche Eröffnung, und erwidere, ihm zuzwinkernd:
„Wirklich? Dann ist dein Leben wohl gerade sehr schön, ja?“
Er aber schüttelt heftig den Kopf, als müsse er einen ganz unsinnigen und falschen Gedanken wie ein lästiges Insekt verscheuchen, und erklärt:
„Nein, ich meine nicht: schön wie ein Traum. Ich meine: unwirklich wie ein Traum. Ich meine: Das Leben hat für mich an Wirklichkeit verloren. Nichts scheint mehr echt zu sein. Es ist, als widerfahre mir alles nur noch, als sei das Leben etwas, in dem ich kein von eigenem Willen erfüllter Akteur mehr bin, sondern etwas, das an mir geschieht. Als stünde ich neben oder über mir und sähe mich wie einen Fremden, dessen Handlungen ich mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Staunen beobachte. So wie man sich manchmal im Traum selbst sieht: wie einen Anderen. Das habe ich gemeint, als ich sagte, das Leben sei für mich zum Traum geworden.“
Ich erschrecke darüber, dass ich seine Worte zuerst so ganz und gar falsch verstanden hatte. Während ich nun sein Gesicht mustere, erkenne ich auch, dass er überhaupt nicht froh aussieht. Als hätte er meine Gedanken gelesen, bestätigt er:
„Ich weiß, ich sehe nicht sehr froh aus. Und der Grund dafür ist die Traumhaftigkeit meines Lebens. Verstehst Du? Alles wie im Traum. Denke an irgendeinen Traum: er beginnt zum Beispiel damit, dass du in einem Fahrstuhl bist oder in den Bergen oder in der Wohnung deiner Eltern, egal wo; es fehlt aber das Motiv, die Intention. Du bist einfach dort, wurdest dort hingeworfen, wie von unsichtbarer Hand. Du fragst dich im Traum nicht: wie bin ich doch gleich hierher gekommen, in diesen Fahrstuhl? Du akzeptierst es als gegeben. So ist es nun: ich akzeptiere alles als gegeben, lebe ohne Intentionen und die Dinge in der Welt fühlen sich immer weniger echt an.“
Er zündet sich eine Zigarette an, bläst angespannt Rauch in Richtung der Kneipendecke und beobachtet ihn aufmerksam, als würde die Plastizität der kleinen Wolken dem Leben wieder mehr Wirklichkeit verleihen. Dann fährt er fort:
„Früher dachten die Leute, Gott oder irgendwelche Geister würden den Traum senden. Das glaub ich nun nicht im Geringsten. Aber genauso wenig ist es das Ich, das träumt. Oder?“
„Was denn dann? Sagst du nicht, wenn du jemandem einen Traum erzählst: Ich habe geträumt?“
„Trotzdem berichte ich dann von einem Ereignis, das sich in meiner Vorstellungswelt ohne mein Zutun vollzogen hat, unkontrolliert, scheinbar absichtslos. Ein Traum ist etwas, das zu mir gehört, aber nicht von mir gemacht wird. Es war vielleicht so falsch nicht, wenn früher gesagt wurde: Mir hat geträumt. Das ist mein Leben geworden: etwas, das ich zwar wahrnehme, das aber im Grunde ohne mich stattfindet. Wie ein Mir hat geträumt. Manchmal will ich aufwachen und merke dann, dass ich ja wach bin. Verstehst du? Es ist unerträglich.“
„Wie genau meinst du: die Dinge fühlen sich immer weniger echt an?“
„Gestern habe ich Tomaten an die Wand meiner Küche geworfen und beobachtet wie sie zerplatzen und ihr Saft an der Tapete zu Boden rinnt. Aus irgendeinem Grund hatte ich plötzlich gedacht, auf diese Weise ein Gefühl von Wirklichkeit zu gewinnen, aber es war ein Irrtum. Gerade auch wie ich die Tomaten an die Wand warf, war unwirklich und ängstigte mich: Als würde nicht ich meinen Arm bewegen, sondern ein Anderer. Da habe ich ein Messer genommen und die Haut meines Arms aufgeritzt. Das hat etwas geholfen, da sich der Schmerz ganz echt angefühlt hat. Auch das Blut war gut. Echt, meine ich. Aber das hilft doch alles nichts.“
Er bläst wieder Rauch in den Raum und sagt:
„Das Leben darf nicht zum Traum werden. Wie kriege ich die Wirklichkeit zurück?“
Ich versuche eine Antwort zu finden, antwortete schließlich, bin aber mit dem Gesagten unzufrieden. In der Nacht träume ich von meinem Freund L., der mit Tomaten nach mir wirft, und mich anfleht, ihn aufzuwecken.

Mord

Während ich schlafe, träume ich, ich würde den Kopf der Frau, die ich liebe, mit einem großen Hammer zertrümmern. Bei dieser Tat bin ich erfüllt von absolutem Grauen und gleichzeitig von der Logik und Notwendigkeit meines Tuns überzeugt. Ich erwache schreiend. Sie liegt neben mir, ihr Kopf wunderschön und unversehrt auf dem Kissen, ruhig atmend. Mein Freund P., dem ich den Traum berichte, versucht mich zu beruhigen: Ich sei nicht verantwortlich für meine Träume; sie nähmen nicht durch eigene, bewusste Formung Gestalt an. Schließlich zieht er sogar Freuds Traumdeutung aus dem Bücherschrank und liest mir daraus vor: der manifeste Trauminhalt, die Mordtat, sei nicht mit den latenten Traumgedanken identisch und ein Traum bedeute zumeist nicht das, was die Bilder seiner Oberfläche darstellen; mein Traum würde mitnichten bedeuten, dass ich unbewusst eine solche Tat beabsichtige. Keines seiner Argumente aber kann das Gefühl des Grauens ganz zum Verschwinden bringen; erst Benebelung mittels Whisky besänftigt mich für gewisse Zeit. Monate später entscheide ich, ihr den Traum zu erzählen, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt. Eine unaussprechbare Angst sitzt in mir, sie würde mich in irgendeiner Form für das Schreckliche, das ich im Traum getan habe, bestrafen. Stattdessen küsst sie mich und sagt: „Es war doch nur ein Traum.“ Jäh überkommt mich ein Gefühl, als sei ich eben erst wirklich erwacht.

Träume im Inneren eines Autos

Weil ich einen Traum habe, verlasse ich mein Bett noch vor Sonnenaufgang, fülle meinen Rucksack mit Dingen (Kleidung, Zahnbürste) und meinen Körper mit Flüssigkeiten (Kaffee, Wasser), und lasse mich von der S-Bahn an die Autobahnauffahrt Berlin-Nikolassee versetzen. Dabei geht die Sonne mit einer behutsam leuchtenden Schönheit auf, als gäbe es Hoffnung. Mein Traum entstand durch Blicke, die mir Katharina zugeworfen und durch Worte, die sie mir gesagt hat, an jenem einzigen Tag, an dem wir uns sahen; der Vorgang, der ihn entstehen ließ, wird auf Chinesisch aì shang genannt und in der deutschen Sprache allgemein als sich verlieben bezeichnet, aber ich kann nicht genauer erklären, wie das letztlich vonstatten geht. Wenn es passiert ist jedenfalls, zittert man immer bei bestimmten Gedanken. Mein Traum erscheint mir zwar dem Wahnsinn verwandt, ist aber einfach zu beschreiben: diese Frau, Katharina, die ich nie zuvor berührt habe, zu berühren, und sie, die ich nie zuvor geküsst habe, zu küssen. Um diesen Traum also, den ich für einen aussichtslosen halte, Wirklichkeit werden zu lassen, muss ich nach Rom gelangen, denn dorthin hat sie ihren Wohnsitz, einige Tage nachdem wir uns in Berlin begegneten, verlegt. Die vollkommene Portemonnaieleere verlangt eine Fahrt per Anhalter. Während ich mit ausgestrecktem Daumen dastehe und stets versuche, ins Innere der vorbeihuschenden Autos und den darin sitzenden Menschen kurz in die Augen zu schauen, denke ich, dass ich wieder einmal in einer Art und Weise handle, die ich für wahnwitzig halte, dass ich einem Traum hinterher jage, dessen Wahrwerdung mir nicht nur ungewiss, sondern geradewegs unmöglich erscheint, und dass ich dennoch so und nicht anders handle. Gleich darauf denke ich: je unwahrscheinlicher die Verwirklichung eines Traums, desto interessanter ist er. Menschen, die sich darin gefallen, mit der Weisheit Träume sind Schäume hausieren zu gehen, habe ich immer gehasst. Der Morgen ist jung und riecht nach Kaffee und Benzin der nahen Tankstelle. Als die Sonne schon über den Bäumen steht, hält ein alter Mercedes und ein Mann in einem zerknitterten weißen Hemd streckt den Kopf aus dem Fenster und fragt mich, ob ich rauche. Ich überlege kurz, ob ich lügen und also nein sagen soll, antworte dann aber kurzerhand mit dem Wort: „Ja.“
Dann könne ich gerne einsteigen, sagt der Mann, der Luigi heißt, und lacht. Mit einem Mal bin ich auf dem Weg dorthin, wo ich sein will, und die Autobahnauffahrt Nikolassee schrumpft hinter mir schnell zur absoluten Bedeutungslosigkeit. Unversehens ist ein Ausspruch André Bretons in meinem Kopf, auf den ich vor Jahren irgendwo gestoßen war: ‚Es handelt sich darum, die Wege der Begierde nicht hinter sich zuwachsen zu lassen.’ Ich drehe mich erschrocken um, als habe Breton mich von hinten angesprochen, und betrachte entschwindende Windräder und Bäume, als wollte ich prüfen, ob sie tatsächlich schon hinter mir zuwachsen, die Wege der Begierde. Woher kommen manche Gedanken so plötzlich? Kommen über einen wie Träume. Warum hat Katharina schon im ersten Augenblick ihres Erscheinens Wünsche in mir geweckt, die nicht mehr verschwinden? Woher kommt dieses Gefühl?
„Hast du etwas vergessen?“ fragt Luigi.
„Nein nein, ganz sicher nicht“, sage ich, schaue wieder nach vorn und betrachte ihn: er hat das Lenkrad zwischen die Beine geklemmt, dreht sich eine Zigarette und sieht vergnügt wie ein kleiner Junge aus, obwohl er ein alter Herr ist.
„Ohne Träume gibt es keine Fortbewegung“, sage ich plötzlich und ärgere mich im gleichen Moment über den oberlehrerhaften Klang meiner Stimme, „weder im Denken, noch mit dem Auto. Weißt du, was ich meine?“
Er lacht darüber, bewegt auf eine komische Art die Augenbrauen und fragt mich:
„Wovon träumst du denn?“
Ich überlege kurz, wie ich die Frage beantworten kann und sage dann:
„Heut Nacht habe ich von Katharina geträumt, die ich vielleicht fünf Stunden meines Lebens gesehen habe: Wir standen vor einem Gebäude mit Säulen und sie sagte zwei Worte zu mir: ‚Komm doch.’ Dann verschwand sie in einer Tür. Als ich durch die Tür ging, saß ich in einem Auto. Das Auto aber sah aus wie das Pantheon.“
Ich blicke kurz unsicher zu ihm hinüber; eigentlich teile ich meine Träume selten mit. Kaum Interesse bei den anderen, meistens. Schwer erzählbar auch. Ich sehe aber, dass er rauchend zuhört, und fahre, während wie immer weiter fort fahren, fort:
„Aber der Traum, sie wieder zu sehen, ist nicht nur ein Nachttraum, sondern auch ein richtiger Traum, sozusagen. Schon zwei verschiedene Bedeutungen der Frage Wovon träumst du! Denn ich will sie wirklich wieder sehen und deshalb sitz ich jetzt hier bei dir im Auto. Soll ich dir übrigens deine Zigaretten drehen? Sieht gefährlich aus, dein Zirkuskunststück da.“
Luigi akzeptiert mit großem Gelächter. Ich betrachte die auf uns zu rasenden weißen Streifen der Autobahn und füge hinzu:
„Und dann, geb ich zu, träume ich gerade noch einen Tagtraum: dass du bis Rom durchfährst und mich mitnimmst. Dritte Antwort auf Wovon träumst du.“
„Ich fahr tatsächlich bis Mestre bei Venedig, lacht mich Luigi an. Dort wohne ich. Du kannst mitkommen, ja, warum nicht. Das ist wohl dein Glückstag.“
Erst jetzt bemerke ich den feinen italienischen Akzent: warrum niicht. Allerdings: bis Mestre in diesem Auto mitzufahren, übertrifft alle Erwartungen. Es ist wie im Traum, würde man wohl sagen — warum eigentlich? Weil es so unwahrscheinlich ist?
Als wir die Berge erreichen, werde ich müde. Kurz hinter einem Schild ‚Klagenfurt 30 Kilometer’ nicke ich plötzlich ein und träume, in einem Zirkus zu sitzen, wo ein Clown eine riesige Torte auf Rädern vor sich her schiebt. „Wirf alle Klage fort!“ sagt mir der Clown und ich erkenne in ihm plötzlich Luigi. Aus der Torte spricht eine Stimme: „Komm doch.“ Luigi, der Clown, legt einen großen Hebel an einer Maschine um. Da regnet es Staub und Asche wie Konfetti. Ich betrete die Torte durch eine Seitentür, die sich geöffnet hat. Im Torteninnern begegne ich Katharina und küsse ihren Hals. Sie lacht und sagt: „Ich muss jetzt gehen. Aber das heißt ja nicht, dass Du nie neben mir einschlafen wirst.“ In Luigis Auto erwache ich. Mein vermutlich verwirrter Blick wird mit den Worten kommentiert:
„Gerade an Klagenfurt vorbei. Bald in Italien. Was hast du schon wieder geträumt?“
Während ich ihm eine Zigarette drehe, erzähle ich. Luigi lacht und nickt, als verdiente mein Traum seine uneingeschränkte Zustimmung. Ich schaue nach rechts aus dem Fenster, wo die Sonne untergeht, und kann mich nicht erinnern, mich jemals mit derartiger Aufregung in die Zukunft bewegt zu haben. Der Traum von Katharina in diesem Auto, die begierige Erwartung auf das, was noch nicht ist, das Hoffen und Durcheinanderrasen der Gedanken: alles zusammen erzeugt eine plötzliche Schärfe und gesteigerte Wirklichkeit der Sinneseindrücke, die mich den Sonnenuntergang mit beinahe schmerzhafter Intensität sehen lässt.

Ein Foto

Beim Betrachten eines Fotos, das er mit dreiundzwanzig Jahren geschossen hat und das einen lächelnden Süßigkeitenverkäufer in der chinesischen Stadt Kaifeng zeigt, der kandierte Tomaten, eine regionale Spezialität, der Kamera entgegenstreckt wie einen unerhörten Schatz, bemerkt der nun siebenundzwanzigjährige Mann, dass die Kluft, die ihn von dem Menschen trennt, der vor vier Jahren dieses Foto schoss, eine unermessliche ist, eine in Angst versetzende. Kaum kann er glauben, dass er dieser Mensch ist, immer noch. Durch das Betrachten des Fotos erinnert er sich, wie er glücklich war, damals, und erkennt mit absoluter Deutlichkeit, unverschwommen wie das Foto selbst, dass er es nicht mehr ist, seit langem. In der Nacht nach dem Betrachten des Fotos beginnen die Träume. In ihnen kehrt das vergangene Glück zurück. Nacht für Nacht träumt er die glücklichsten Träume seines Lebens und das Erwachen ist jedes Mal ekelerregend, da es nichts anderes bringt, als das Bewusstsein vom bloßen Schein dessen, was der Traum ihm schenkte. Keine Alpträume sind es, sondern schlimmeres: Träume vom Glück, das Geschichte ist, doch wieder und wieder erbarmungslos aufersteht und von neuem lebt, obwohl es längst gestorben ist. Es ist stets ein so unbeirrt wirkliches und intensives Glücksgefühl, dass er meint, es sei in der Welt gar nicht zu erreichen. Lachend erscheint nachts der Süßigkeitenverkäufer in seiner Marktbude und bietet ihm kandierte Tomaten an. (Die simple Nacherzählung des Trauminhalts, wie er ihn erinnert, kann das Gefühl des Glücks nicht vermitteln. Nicht die kandierten Tomaten sind das Glück, doch hat es in ihnen seine verdichtete Darstellung im Bild gefunden, an die sich ein Gefühlszustand anheftet. Sie stehen für eine ganze Welt, die verloren ist.) Durch das Glück der Träume erträgt er schließlich das Unglück im Wachen nicht mehr und sieht als Ausweg tatsächlich nur noch, sich umzubringen. In der Sekunde, in der er vom Dach eines hohen Hauses springt, denkt er plötzlich, manche Leute könnten nun meinen, da er sich ausgerechnet siebenundzwanzigjährig umbringt, sei es möglicherweise sein Traum gewesen, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain nachzuleben oder nachzusterben, die bekanntlich beide siebenundzwanzigjährig ihr Leben beendet hatten. Doch das ist niemals sein Traum gewesen. Dieser Gedanke schmerzt ihn, bis er auf die Straße prallt.

Coleridges Frage

Der Philosophieprofessor schreibt mit dem letzten Kreidestummel des Wintersemesters Worte des Dichters Samuel Coleridge an die Tafel: ‚Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm zum Beweis, dass er darin gewesen ist, eine Blume mit und er sähe beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand — was wäre daraus zu schließen?’ Er mustert die Studentinnen und Studenten durch die Gläser seiner großen Brille und erklärt ihnen, die Frage Coleridges sei Hausaufgabe über die Ferien und wer sie am besten beantworte, dem würde er zur Belohnung einen Traum, der aber erfüllbar sein müsse, erfüllen. Diese Eröffnung des Professors erzeugt bei allen im Unterrichtszimmer Anwesenden ein erstauntes Getuschel, das lange anhält. Beim Verlassen der Universität erzählt man sich gegenseitig, mit fortschreitendem Alter treibe eben auch des Professors Kauzigkeit immer eigenartigere Blüten hervor. Jeder versichert dem andern, es sei sicher alles ein Scherz, den man nicht allzu ernst nehmen könne, und jeder ist besessen vom Gedanken, die Frage am besten zu beantworten, da die Möglichkeit, sich so einen Traum zu erfüllen, von allen zwar öffentlich nicht ernst genommen, insgeheim aber doch geglaubt wird. Auch ich denke darüber nach und formuliere meine Antwort auf zwölf Seiten. Als der Professor schließlich den Gewinner ausruft und dessen Antwort, die aus einem einzigen Satz besteht, mit der neuen Kreide des Sommersemesters an die gleiche Tafel schreibt wie einst die Frage, bin ich enttäuscht und verärgert. Zunächst darüber, dass der Gewinner der Student Hartmut Luckenhäuser ist, den ich auf den Tod nicht leiden kann, mehr noch aber über meine Erkenntnis, dass die Antwort an der Tafel trotz ihrer offensichtlichen Banalität origineller ist, als die von mir verfasste, die ich weit ausholend in schwer begehbaren Gedankengängen von Schopenhauer zu Freud entwickelte. An der Tafel steht: „Daraus wäre zu schließen: dass dieser Mensch mit einer Blume in der Hand eingeschlafen ist.“ Bis heute beschäftigt mich übrigens ein Rätsel, das nie aufgelöst wurde: ob der Professor sein Versprechen, dem Gewinner einen erfüllbaren Traum zu erfüllen, hielt, und wenn ja, welchen Traum Hartmut Luckenhäusers er erfüllte.

Ein Märchen

Es lebt unter den Menschen ein König, dessen Traum es ist, alle großen Sprachen der Welt zu beherrschen. Er sucht die Schulen der Lehrer auf, die als Meister ihrer jeweiligen Sprache gelten und widmet dem Studium zehn Jahre seines Lebens sowie sein gesamtes Vermögen, das beträchtlich ist. Schließlich geht ihm auf, dass er in keiner der erlernten Sprachen einem eigenen Gedanken Ausdruck verleihen kann, da er niemandem etwas mitzuteilen hat. Da verflucht er seinen so mühsam und langwierig verwirklichten Traum in allen großen Sprachen der Welt.

Tod

„Auch ich möchte nicht sterben“, sage ich, der Ungläubige, zu meinem Vater, der unter einem Gemälde sitzt, das Jesus von Nazareth darstellt, und dort sein Abendbrot verzehrt, sogenannten Handkäs mit Musik, i.e. in Würfel geschnittenes Schwarzbrot mit Zwiebeln, müffelndem Schweizer Käse, Olivenöl, Salz und Pfeffer. „Ich kann mir nicht vorstellen“, beginne ich erneut, „dass meine Existenz endet. Insofern kann ich die religiösen Träume der Menschen durchaus verstehen, indem ich den dahinter stehenden Wunsch nachvollziehen und sogar teilen kann. Ich möchte dennoch mit deiner Religion nichts zu tun haben und mit allen anderen Religionen ebenso wenig. Was ich dir erklären will, ist nur, dass ich den Grund für die Entstehung der Jenseitsträume aller Zeiten und Erdteile begreifen kann. Auch ich habe Angst vor dem Tod, wie alle. Im Winter kann ich mir den Tod eher vorstellen, aber im Sommer, mit der Sonne und dem Wind auf meiner Haut, fühlt sich alles wirklicher an und es erscheint absurd, dass die Welt eines Tages endet. Wenn ich in die Augen der Menschen blicke, die ich liebe, erscheint es unvorstellbar, dass es ihre Augen nicht mehr geben wird. Das ist für mich das Furchtbarste: das Erlöschen des Blicks.“ Unsere Blicke begegnen sich und prallen aufeinander. „Meinst du eigentlich“, frage ich ihn, „deine Religion hat die Menschen glücklicher gemacht?“ Mein Vater steckt sich mit Hilfe seiner Gabel ein öltrunkenes Stück Schweizer Käse in den Mund. „Ist es nicht übrigens zum Verrücktwerden“, lenke ich nun in eine andere Richtung, „dass das Schöne und das Glück so viel schwerer zu beschreiben sind als Unglück, Angst, Schmerz? Glück ist immer das, was sich der Sprache am meisten entzieht. Das kannst du auch aus deinen religiösen Schriften lernen. Sie schwelgen beim Ausmalen ihrer Höllenvorstellungen in sadistischer Ausführlichkeit: unzählig die Folterphantasien in ihren Unterwelten und infernalischen Labyrinthen, es wimmelt von unausdenklichen Grausamkeiten und Qualen, glühenden Kohlen, Schafotten, Kerkern, Pfählen und abscheulichen Teufeln und Dämonen, die dich in einen Mörser werfen, zu Brei zerstampfen und dann wieder zusammenflicken, woraufhin die ganze Tortur wieder von vorne losgeht, in Ewigkeit. Das Paradies ist demgegenüber eher unbestimmt, geradezu langweilig im Vergleich zu den Freuden der wirklichen Welt. Es existiert aber weder Paradies noch Höllenpfuhl. Beide Vorstellungen sind wie Träume, die aufgeschrieben und dann für bare Münze genommen werden. Und auch wenn ich ihre Motivation begreife: es sind Träume und es ist wichtig, den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit erkennen zu können.“ In diesem Moment springt mein Vater auf, schreit und schäumt vor Wut und schleudert ein schweres heiliges Buch auf mich. Es trifft mich an der Stirn und lässt mich zu Boden taumeln. Ich ergreife die Gabel, die auf einem Stück Schwarzbrot seines Handkäs mit Musik ruht, und ramme sie ihm tief in den Bauch, wo sie stecken bleibt. Die Olivenölflasche fällt zu Boden und zerspringt. Öl läuft über die Dielen. Mein Vater wankt durch den Raum, packt mich plötzlich mit Leichtigkeit, wie eine Vogelscheuche aus Stroh, und schleudert mich in die Olivenölpfütze, die sich schnell in einen Olivenölsee verwandelt, in dem ich umher schwimme. Plötzlich denke ich, das muss ein Traum sein, und erwache in der Badewanne, wo ich eingeschlafen war. Nicht aber durch die Unwahrscheinlichkeit, im richtigen Leben einen so ausformulierten Vortrag zu halten — ein collagenhafter Zusammenschnitt tatsächlich geführter Gespräche —, nicht bei unserem Kampf und auch durchaus nicht im See aus Olivenöl gewann ich die Erkenntnis, dass ich träumte, sondern allein aus der Tatsache, dass mein Vater schäumt vor Wut. Ich träumte, er schäumte. In Wahrheit ist er, einem Stoiker gleich, durch keine Kritik und keine Beleidigung zu verletzen, was mich immer zornig macht, da es mir unlebendig erscheint: als wolle er sich den Steinen anverwandeln. An seiner plötzlichen Lebendigkeit erkannte ich den Traum.

Der Traum des Hong Xiuquan

Hong Xiuquan, Sohn einer Bauernfamilie aus der südchinesischen Provinz Guangdong, träumt in einer Nacht des Jahres 1837, er fliege wie ein Vogel in den Himmel und gelange in einen Saal mit vielen Menschen. Sein Körper wird gewaschen und mit einem Messer aufgeschnitten: man entnimmt ihm sämtliche Organe und ersetzt sie durch neue. Auf einem Thron sitzt ein alter Mann mit goldenem Bart, nennt Hong seinen Sohn und beauftragt ihn, die Dämonen zu vertreiben. Ein gewisser älterer Bruder bietet dabei seine Hilfe an. Sechs Jahre später, nach der Lektüre christlicher Traktate, die er von europäischen Missionaren erhalten hat, deutet Hong seinen Traum so: der Vater ist der christliche Gott, Schöpfer der Welt; die Menschen, die ihn operierten, sind die himmlischen Engel; der ältere Bruder ist Jesus; das Auswechseln der Organe bedeutet den Abschied von der chinesischen Tradition und die Konvertierung der Chinesen zum Christentum. Der Traum bleibt kein Traum. Hong erklärt ihn vor seinen Anhängern offiziell zur Realität: Er war wirklich im Himmel und ist ein Sohn Gottes. Die Dämonen verwandeln sich bald von Geistern aus dem Jenseits in die Vertreter der regierenden Qing-Dynastie. Da es sich um Dämonen handelt, erscheint es vernünftig, sie zu töten. Hongs Traum und seine Interpretation werden mit zur Grundlage eines Krieges, der mit 20 Millionen Toten der blutigste des 19. Jahrhunderts ist. Obwohl er mit außergewöhnlicher Brutalität und mutwillig gegen die Zivilbevölkerung geführt wird und sich Hongs Truppen alle Mühe geben, ihren Traum zu verwirklichen, einen christlich inspirierten chinesischen Staat, das sogenannte Himmlische Reich des Großen Friedens, zu schaffen, bleibt dieser Traum ein Traum.

Déjà-vu

Eines Tages nehme ich all meinen Mut zusammen und spreche die unbekannte Frau an, die ich jeden Morgen in der S-Bahn sehe, in die sie Schönhauser Allee ein- und aus der sie Westhafen wieder aussteigt. „Ich kenn dich zwar nicht“, sage ich, „möchte dich aber zu meiner Party nächsten Samstag einladen.“ Sie mustert mich überrascht, nimmt dann aber einen Zettel mit meiner Telefonnummer und Adresse wie selbstverständlich entgegen und sagt, sie würde es sich überlegen. Am Samstag erscheint sie zu meinem freudigen Erstaunen tatsächlich. Die ganze Nacht sitzen wir redend auf einer Couch und als die Sonne aufgeht und fast alle anderen schon nach Hause gegangen sind, küssen wir uns und ich zittere vor Glück. Irgendetwas fühlt sich aber unwirklich an und gleichzeitig, als hätte ich alles schon mehrmals erlebt. Plötzlich begreife ich den Grund für dieses Gefühl: Was gerade geschehen ist, ist die getreue Verwirklichung eines Tagtraums, der viele Male wie ein Film in meinem Kopf abgelaufen war, während ich ihr in der S-Bahn gegenüber saß, und den ich immer verscheucht hatte, weil ich seine Erfüllung als absurd ansah. Und wie in einem Traum war es das Erstaunliche dessen, was geschah, das alles für eine Zeit traumhaft erscheinen ließ. Später verschwindet aber, was ein Glück zu nennen ist, das Gefühl des Traumhaften und alles erreicht den denkbar höchsten Grad an Wirklichkeit, als wir uns verlieben. Aber dies alles war nur ein Tagtraum (oder: Worte, die ich aufs Papier druckte). Doch irgendwann werde ich es tun, denke ich: vor sie treten und mit meiner Zunge die richtigen Worte formen. Einmal begegnete ich mir im Traum selbst: Das Ich, das ich sein werde, sagte dem Ich, das ich bin, es möge keine Angst haben.

‚I had a dream I met myself and everything was alright.’
The Velvet Underground

 
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