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„Farbfilm“

Swantje Naunin

 
Das Partyfoto

Wir begegneten einander dort, wo Frauen und Männer sich nur in kitschigen Filmen und kindischen Träumen kennen lernen. Wir begegneten einander in einer Bar. Der Ablauf war immer gleich: Ich saß am Tresen in einem hautengen knallroten Kleid und rührte mit einem schwarzen Strohhalm in einem knallroten süffigen Cocktail. Am Glasrand war lieblos und schief eine Kirsche befestigt. Ich fühlte mich pudelwohl und begehrenswert. Ich dachte nicht darüber nach, warum ich hier allein saß oder wie der Abend weitergehen würde. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass weite Kleidung in dezenten Farben meine Schwachstellen besser kaschiert. Ich war frei.
Es lief das Lied „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen. Inhaltsangabe: Eine zickige Frau beschimpft ihren armen Freund Micha, weil er keinen Farbfilm mitgenommen hat in die Ferien auf der Ostseeinsel Hiddensee. Interpretation: Schwarzweißfotos eignen sich nicht zum Angeben vor ihren arroganten Freundinnen. Zitat: „Micha, mein Micha, und alles tat so weh. Tu das noch einmal, Micha, und ich geh!“ Ich fühlte mich beobachtet und drehte mich um. Ich sah gerade noch, wie der Typ hinter mir sein Fotohandy sinken ließ. Ich zog die Augenbrauen noch. Er grinste frech und kam auf mich zu. Mit einer Lässigkeit, die eingeübt wirkte, ließ er sich auf den Barhocker neben meinem sinken. Stumm reichte er mir sein Handy. Auf dem Display war mein Rücken zu sehen mit – scharf gestellt in der Bildmitte – meinem alleruntersten Rücken. Sein Spruch war ebenfalls allerunterst: „Hi, ich bin Micha. Diesmal hab ich den Farbfilm nicht vergessen.“ Trotzdem kamen wir ins Gespräch. Ich fühlte mich zu alt für ihn und für die ganze Situation und war obendrein noch nie von einem Mann in einer Bar angesprochen worden. Deshalb kicherte ich unablässig. Er hieß tatsächlich Michael (kicher!), seine Freunde nannten ihn aber „Michi“ und nicht etwa „Micha“ (kicher!!). Er war Jurastudent. Jura… kicher… die mit den hochgestellten Hemdkragen ganz in rosa? Natürlich sei er anders. In seiner Freizeit wandere er viel und trage deshalb lieber praktische Funktionskleidung statt teurer Markenklamotten. Funktionskleidung! Was für ein Wort! Selbstverständlich musste ich kichern. „Kaufst du die von dieser Firma, die immer Werbung macht für Obdachlosigkeit?“, fragte ich. „Die mit dem Spruch ‚Draußen zuhause‘?“ Michi verstand meinen Witz nicht und schwieg hilflos. Er begann mir Leid zu tun. Hastig hörte ich auf zu kichern und erzählte von meiner Arbeit als Werbetexterin. Sich mit den Texten der Konkurrenz auseinander zu setzen gehöre zum Geschäft. Michi strahlte wieder. Er wollte „alles“ wissen über meinen Beruf. Es sei doch sicherlich „total schwierig“ immer so kreativ zu sein? Ich zählte einige belanglose Methoden mit noch belangloseren englischen Namen auf („Brainstorming“, „Mindmapping“), die erfunden worden waren der Fantasie auf die Sprünge zu helfen. Ich sagte, dass deren Anwendung jedoch nur zu mittelmäßigen Ergebnissen führe. Ich erwähnte, mir selbst kämen die besten Ideen im Traum. Nicht ohne Stolz fügte ich hinzu, kreative Menschen träumten häufig lebendiger und intensiver als andere. Außerdem hätte ich geübt, mich an meine Träume zu erinnern. Michi schaute etwas betreten zu Boden. Entweder hielt er das Träumen in seinem jugendlich übersteigerten Schamgefühl für zu intim, um darüber zu sprechen. Oder er sah in mir schlicht eine Spinnerin.
Ich wechselte das Thema und fragte ihn ausführlich nach seinen beruflichen Plänen. Er war ein Idealist und zwar ein völlig ahnungsloser! Er wollte später am liebsten bei einer NGO arbeiten. Die Abkürzung stehe für Non governmental organisation, das seien Organisationen, die, also, äh… auf jeden Fall meist viel Gutes täten, Entwicklungshilfe und so, unabhängig von Regierungen, aber natürlich „voll international“… Ich fand ihn plötzlich so süß, wie er das übereifrig zu erklären versuchte, und fragte, ob er noch zu mir kommen wolle auf einen Kaffee.

Das Foto danach
Während er vor meinem Bett stehend die Jeans sacken ließ, wurde mir bewusst, dass ich noch nie mit einem fremden Mann geschlafen hatte. Statt mir klar zu machen, dass dies womöglich aus guten Gründen nicht geschehen war, war ich begeistert. Ich vertrete normalerweise die Auffassung, man müsse im Leben möglichst viele Dinge zumindest einmal ausprobiert haben, um keine Vorurteile zu haben gegen diejenigen, die regelmäßig die falschen Dinge tun.
Aus Gewohnheit benutzte ich nicht einmal ein Kondom. Ich hatte immer feste Beziehungen gehabt und nie ein Kondom benutzt. Der Sex war schön, obwohl das ein komisches Wort ist, um Sex mit einem Wildfremden zu beschreiben. Ich hatte ihn mir vorher düster, dramatisch und leidenschaftlich vorgestellt. Sex, als ob es keinen Morgen gäbe…
Aber der Sex war schön. Michi genoss ihn in vollen Zügen. Seine Augen leuchteten wie die eines Kindes am Heiligen Abend. Ich fühlte mich lebendig und schlief anschließend mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Michi nicht mehr da. Auf meinem Nachttisch hatte er einen Zettel hinterlassen: „Du schliefst so schön. Ich wollte dich nicht wecken. Wir können das gerne wiederholen…“ …und dann stand dort seine Telefonnummer… „Gruß, Michi.“ Neben den Zettel hatte er, wie ich erst jetzt bemerkte, mein Handy gelegt. Damit hatte er uns fotografiert: Ich, schlafend, und daneben er, etwas angestrengt grinsend bei dem Versuch sich selbst in einer merkwürdig schiefen Haltung neben mir auf das Bild zu bringen. Auf dem Foto sah ich aus wie eine Trophäe: Der Jäger und sein erlegtes Tier. Kopfschüttelnd löschte ich das Bild mit der bösen Ahnung, dass sich Ähnliches auf seinem Handy befand und in seinem Freundeskreis herumgezeigt werden würde.
Ich ging ins Badezimmer, um die Erinnerungen an diese unvernünftige Nacht herunterzuduschen. Leider ging mir dort erst auf, wie unvernünftig sie tatsächlich gewesen war. Auf der Fensterbank lag eine Tablettenpackung. Darin befand sich eine Tablette zu viel. Ich hatte am Vortag vergessen, die Anti-Baby-Pille einzunehmen.

Die Zeitungsfotos
„Nein“, dachte ich. „Nein, das ist nicht fair.“ Es war drei Wochen später und ich hatte gerade auf den Teststreifen gepinkelt. Der Test war positiv: Ich war schwanger. Nicht fair fand ich es, weil ich das Gefühl hatte, das Schicksal behandele mich wie eine vielfache Mutter, die ohne Grund zu einer ihrer Töchter strenger ist als zu allen anderen.
Schon immer war es so gewesen. Andere Kinder hatten leichtfertig und ohne Konsequenzen Schal und Mütze zum Spielen abgeworfen. Hatte ich diese unbequemen Kleidungsstücke auch nur gelockert, war mir die Mittelohrentzündung drei Tage später sicher gewesen. Als ich das erste und einzige Mal geschummelt hatte in der Schule, war ich prompt aufgeflogen und der Lehrer hatte mein Heft an sich genommen. Während andere Leute regelmäßig unbehelligt über alles und jeden lästerten, war meiner besten Freundin sofort zugetragen worden, dass ich mich einmal negativ über ihren neuesten Schwarm geäußert hatte.
Jetzt also schwanger nach dieser einen Ausnahme-Nacht mit einem Unbekannten. Schwanger von Non-governmental-Jura-Funktionskleidungs-Fotohandy-Michi. Aber diesmal konnte das Schicksal mich nicht zwingen, die Konsequenzen meines Handelns zu tragen. Es gab andere Möglichkeiten! Ich musste kein Kind bekommen! Ich würde diese Schwangerschaft beenden lassen! Es war albern, eine andere Alternative auch nur in Erwägung zu ziehen. Nicht gut für mich… nicht gut für das Kind… nein, auf keinen Fall!
Rasch machte ich mich daran, „es“ in die Wege zu leiten. Eine Beratungsstelle war schnell gefunden, ebenso ein medizinisches Zentrum mit entsprechender Erfahrung. Ein ganz kleiner Eingriff, die „Kürettage“, die Ausschabung der Gebärmutter. Ein paar Risiken, ja, gut, ich unterschreibe… Nein… ja, ich kenne meine Möglichkeiten… Ja, sicher, wirklich… Ich war mir wirklich sicher. Oder nicht?
Warum wählte ich am Abend vor dem geplanten Eingriff trotzdem Michis Nummer? Wollte ich nur Lob und seine Bestätigung, nachdem ich alles so selbstständig und selbstverständlich in die Wege geleitet hatte? Wollte ich nur seine Dankbarkeit spüren, dass alles schon gelöst war, dass der Kelch der Vaterschaft dank meiner Verständigkeit an ihm vorübergegangen war? Oder schwang doch ein Fünkchen Hoffnung mit, er würde mich bitten, es mir noch einmal zu überlegen? Wollte ich am Ende doch hören, dass er jetzt alles für mich tun und mich natürlich unterstützen würde? Wollte ich vielleicht hören, dass er sich freue und sich im Grunde nichts sehnlicher wünsche als ein Kind? Aber warum hätte ich das hören wollen von einem Wildfremden? Es gab keinen vernünftigen Grund ihn anzurufen. Es war ein Fehler. Und natürlich wurde ich vom Schicksal für diesen Fehler bestraft…
Michi wollte weder die Rolle des freudig Überraschten noch die des Erleichterten ausfüllen. Michi war nämlich katholisch. „Nein“, sagte er steif in den Telefonhörer. Eine Abtreibung komme für ihn „sicherlich nicht“ in Frage. Ich hätte wohl nicht ernsthaft geglaubt, ich könne das über seinen Kopf hinweg entscheiden? Selbstverständlich hätten wir nun beide „die Konsequenzen des Vorkommnisses“ zu tragen. Ich lachte ihn aus. Michi wurde wütend. Ich hätte anscheinend noch nichts vom neuen Gesetz zur Stärkung der vorgeburtlichen Vaterrechte gehört, schrie er in den Hörer. Es sei längst Schluss mit dem linken Mein-Bauch-gehört-mir-Unsinn der Achtundsechziger. „Ach?“, fragte ich giftig. „Und wie heißt es jetzt? Mein Samen gehört mir?“ „Du wirst schon sehen“, brüllte Michi. „Wie auch immer“, sagte ich. „Morgen ist der Termin für die Kürettage. Ich wüsste nicht, was mich davon abhalten sollte, ihn wahrzunehmen…“ „Du wirst schon sehen“, rief Michi nochmals erbost. Er knallte den Hörer auf die Gabel. Ich blieb am anderen Ende zurück mit einem etwas enttäuschten Gefühl. So hatte ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt. Nachdem ich das Telefonat ein wenig verdaut hatte, war ich allerdings nicht unzufrieden: Von diesem Mann wollte ich sicherlich kein Kind. Darin fühlte ich mich bestärkt. Ich ging ins Bett und schlief unruhig, aber weniger unruhig als befürchtet.
Früh am nächsten Morgen klingelte es an meiner Tür. Ich öffnete im Bademantel. Zwei Polizisten standen dort. Während sie redeten und redeten, begriff ich nur sehr langsam: Michi hatte vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen mich erwirkt. Das neue Gesetz zur Stärkung der vorgeburtlichen Vaterrechte räume dem werdenden Vater ein Mitspracherecht beim Schwangerschaftsabbruch ein, so die Polizisten. Die Schwangere könne diesen Eingriff nicht mehr gegen seinen ausdrücklichen Willen durchführen lassen. Könnten sich die werdenden Eltern nicht einigen, gelte der Grundsatz „im Zweifel für das Leben“. Es bestehe der dringende Verdacht, ich sei im Begriff, gegen den Willen des werdenden Vaters Michael Morsuli – aha, sein Nachname – eine Schwangerschaft zu beenden. Leider müssten sie mich mitnehmen. Ich könne noch ein paar Sachen packen. Ich solle mich bitte nicht aufregen, fügte die jüngere der beiden Polizisten – sie war zierlich und blond – schüchtern hinzu. Schließlich sei ich schwanger. Ich war fassungslos und konnte mich nur mit dem Gedanken beruhigen, mit diesem Mist werde Michi nicht durchkommen. Als Jurastudent war er natürlich gut darin, spontan alle juristischen Register zu ziehen. Eine ordentliche Gerichtsverhandlung würde trotzdem bald alles zu meinen Gunsten aufklären können. Unmöglich konnte es ein Gesetz geben, nachdem ich ein Kind dieses mir beinahe unbekannten Mannes austragen musste. Ich rief im Krankenhaus an, um die Kürettage vorläufig abzusagen. Keinesfalls hätte ich mich anders entschieden, sagte ich noch. Ich müsse den Eingriff lediglich aus privaten Gründen verschieben und würde mich bald melden wegen eines neuen Termins. Dann nahm ich mit meiner Reisetasche auf dem Rücksitz des Polizeiwagens Platz.
Die nächsten Tage und Wochen rollten über mich hinweg wie eine gigantische Welle. Mein Fall war der erste Fall, der unter das neue Gesetz fiel, lernte ich. Begeisterte Journalisten, Juristen und Politiker nahmen ihn zum Anlass, um die Diskussion über dieses Gesetz zur Stärkung der vorgeburtlichen Vaterrechte erneut entbrennen zu lassen. Währenddessen saß ich in Untersuchungshaft. Gespräche mit dem Anwalt, Gerichtstermine, Pressetermine. Morgenübelkeit auf der Gefängnistoilette. Für die Boulevard-Zeitungen war der Fall ein gefundenes Fressen: Entfernte Bekannte, die ich genau genommen noch nie hatte leiden können, spielten ihnen Fotos von mir zu. Fotos, die mir auf Zeitungsformat vergrößert ein kriminelles und fratzenhaftes Aussehen gaben. „Vera R. – Warum kann sie ihr ungeborenes Kind nicht lieben?“, fragte eine Schlagzeile. Anderswo hieß es: „Lasst mein Baby leben – Der Kampf des Michael M.“ Der Kolumnist einer fast seriösen Zeitung spöttelte: „Schluss mit lustig – Sex hat wieder Konsequenzen, Frau R.!“ Wochen vergingen. Der Fall ging durch die Gerichtsinstanzen. Während mein Anwalt eine Verfassungsbeschwerde vorbereitete, spürte ich zum ersten Mal Bewegungen meines Kindes. In diesem Moment gab ich auf. Es war zu spät um die Schwangerschaft abzubrechen. Ich hätte es nicht mehr gekonnt. Da die Gerichte das einsahen, wurde ich aus der Untersuchungshaft entlassen. Ich ging nach Hause und versuchte zu vergessen. Zu verdrängen. Erst mit der ersten Wehe holte mich die Wirklichkeit einige Monate später wieder ein. Ich wusste nicht, wen ich anrufen sollte, und war völlig verzweifelt. Würde Michi direkt nach der Geburt versuchen, mir das Kind wegzunehmen? Das durfte auf keinen Fall geschehen! Es war doch mein Kind, gewachsen in meinem Körper, ein Teil von mir! Er durfte es mir nicht nehmen! Aber wie waren meine Chancen als bundesweit bekannte Rabenmutter in spe, einen Sorgerechtsstreit zu gewinnen? Wer würde mir glauben, dass ich die Beste war, um für mein ungewolltes Kind zu sorgen? Oder wollte Michi das Kind vielleicht gar nicht haben? Hatte er darauf spekuliert, dass ich es nach der Schwangerschaft würde behalten wollen? Möglicherweise war sein katholisches Gewissen jetzt beruhigt und er überließ das Windelwechseln gerne mir. Unterhalt zahlen würde er als mittelloser Student kaum müssen. Beide Gedanken – der an den kämpferischen und der an den gleichgültigen Michi – ließen gleichermaßen bittere Gefühle in mir aufsteigen. Ich saß in der Falle. Er konnte alles mit mir machen, was er wollte. Er hatte gewonnen. Gleich würde ich anfangen zu heulen und außerdem musste ich dringend ins Krankenhaus…

Fotos von Freunden
An dieser Stelle wachte ich meistens auf. Ich erwachte aus meinem Traum. In Wirklichkeit gab es keinen Michi, keinen One-night-stand, keine Schwangerschaft, kein Gesetz zur Stärkung der vorgeburtlichen Vaterrechte, keine Untersuchungshaft, keine Schlagzeilen über mich. Es gab nur die erfolgreiche Werbetexterin Vera Ravenbek, die lebhaft träumte und gelernt hatte sich an die meisten dieser Träume zu erinnern. Was ich nicht gelernt hatte: Meine Träume zu deuten oder zu verhindern, dass ich immer dasselbe träumte. Den Traum von Michi und der Schwangerschaft hatte ich seit einiger Zeit mehrmals im Monat. Die Handlung war immer die gleiche, die Bilder waren intensiv und am Ende war ich den Tränen nahe. Ein- oder zweimal war ich weinend aufgewacht. Der Traum begann mir lästig zu werden und mich fast ein bisschen zu ängstigen. Wie ironisch, dass ich mich gerade in diesem Traum damit brüstete, mir meine Träume für meine Arbeit nutzbar gemacht zu haben! Beherrschte ich denn meine Träume? Begann nicht dieser Traum mich zu beherrschen? Abends im Bett versuchte ich nicht an ihn zu denken. Und morgens wachte ich erleichtert auf, wenn ich ihn nicht geträumt hatte.
Wahrscheinlich schlief ich zu viel allein in der letzten Zeit. Holger, mein Freund, war Psychologe und leitete Seminare in ganz Deutschland. „Management-Qualitäten entwickeln und Bergklettern in den Alpen.“ – „Innere Ruhe und Genießen lernen in der Eifel.“ – „Wellness und Ich-Stärkung an der Ostsee.“ Beinahe jede zweite Woche war er für ein paar Tage verreist. Heute Abend würde er zurückkommen aus Hameln. („Selbstbewusst Exzentrik leben auf den Spuren des Rattenfängers“) Für die Zeit davor hatte ich einen ruhigen Samstag geplant. Einige Freunde wollten vorbeikommen, um Fotos abzugeben. Wir arbeiteten an einer Collage, um eine weitere Freundin von uns bei ihrer Hochzeit in ein paar Wochen zu überraschen. Meine Aufgabe war es, die Fotos einzuscannen, mit lustigen Sprüchen zu versehen und am Computer zu einem ansprechenden Gesamtbild verschmelzen zu lassen.
Während des Frühstücks beschäftigte ich mich gedanklich mit Schwarmintelligenz. Ich wusste nicht viel darüber. Es handelte sich anscheinend um ein Prinzip, das nicht nur im Ameisenstaat, sondern auch im menschlichen Gehirn und selbst im Internet verwirklicht war. Eine Ameise allein war klein, dumm und schwach. Ein Ameisenstaat dagegen war groß, leistungsfähig und sogar intelligent zu nennen. Einzelne Nervenzellen waren als Informationsträger kaum der Rede wert. Viele Nervenzellen zusammen bildeten hingegen das menschliche Gehirn, den Ort großer geistiger Leistungen, Entstehungsstätte der Relativitätstheorie, der Demokratie, der Tumortherapie und origineller Kurzgeschichten. Im Internet arbeiteten viele kleine, dumme, ameisengleiche Nutzer zusammen an einem Lexikon, das im Gegensatz zu dem teuren, ledergebundenen in meinem Schrank auf fast alle Fragen des Lebens eine Antwort hatte. Schwarmintelligenz war womöglich unschlagbar. Ich bekam Lust, ihre Nützlichkeit an meinem eigenen Problem auszuprobieren. Meine Freunde mussten mir helfen, meinen hartnäckigen Traum zu deuten und ihn dadurch möglichst zum Verschwinden bringen. Wenn jeder ein Puzzlestückchen beitrug, würden wir das Rätsel am Ende gelöst haben.
Während sie einander die Klinke in die Hand gaben, begann ich am Computer neben dem Geschenk eine zweite Collage, meine Traumdeuter-Collage, zu erstellen. Auf beiden Collagen waren die Fotos meiner Freunde zu sehen. Aber während sie auf der einen mit frechen Kommentaren betitelt waren, schrieb ich auf der anderen unter jedes Bild, was der- oder diejenige über meinen Traum gesagt hatte. Gegen 18 Uhr schloss der letzte Gast hinter sich die Tür und ich hatte ein Ergebnis vorliegen. Die plausibelsten Interpretationsversuche waren folgende:
Klaus (33 Jahre, Rechtsanwalt): „Eine tolle Gesetzidee! Ich werde sofort an den Bundestag schreiben! Nein, im Ernst: In diesem Traum beschäftigst du dich mit einem Widerspruch zwischen den Zielen des Feminismus und deinem Gerechtigkeitssinn. Männer dürfen nicht mitbestimmen beim Schwangerschaftsabbruch. Du fühlst, wie ungerecht das ist. Aber als Feministin könntest du niemals eine Gesellschaft gut heißen, in der Männer wieder über den Körper von Frauen verfügen dürften. Deshalb unterstellst du Männern wie diesem Michi, die für ihr Kind kämpfen, schlechte Motive: In Wirklichkeit möchte er nicht das Kind, sondern nur sein Gewissen beruhigen. Würdest du zugeben, dass manche Männer aus lauteren Motiven – und ist sein Glaube nicht eigentlich ein lauteres Motiv? – das Überleben eines ungeborenen Kindes wünschen, müsstest du im Grunde ein solches Gesetz befürworten. Oder zugeben, dass du die Ungerechtigkeit in diesem Bereich in Kauf nimmst, weil dir auch nichts Besseres einfällt.“
Annika (27 Jahre, Sekretärin in der Werbeagentur, für die ich arbeite): „Typisch, Klaus! Macht alles viel komplizierter als es ist. Dabei geht es in deinem Traum hauptsächlich um Sex. Ein heißer jüngerer Liebhaber, der nicht viel im Kopf hat, dafür aber umso bereitwilliger… na, du weißt schon. Welche Frau würde sich so etwas nicht ab und zu wünschen? Du sitzt einsam und begehrenswert in einer Bar, und schon steht er bereit, um dich zu umgarnen. Du nimmst ihn mit nach Hause. Er verwöhnt dich und ist am nächsten Morgen ganz problemlos verschwunden. In Träumen erotische Fantasien auszuleben ist doch total normal. Aber du bist natürlich mit Holger zusammen und legst auf Treue großen Wert. Du bekommst sofort Schuldgefühle, wenn sich ein anderer dir auch nur in Gedanken nähert. Deshalb bestrafst du dich im nächsten Teil des Traumes. Der One-night-stand hat schlimme Konsequenzen: Du bist schwanger! Dein Liebhaber stellt sich gegen dich und die Presse macht dich fertig! Du kommst sogar ins Gefängnis! Geht es vielleicht noch dramatischer? Du musst einfach ein bisschen lockerer werden. Glaub mir: Dein Holger träumt nachts auch nicht nur von friedlichen Waldspaziergängen...“
Ute (35 Jahre, Psychologin in der Werbeindustrie): „Annika sieht deinen Traum als Wunschtraum an. Damit hat sie bestimmt Recht. Aber der zweite Teil als Strafe? Das denke ich nicht. Nicht zufällig beginnt dein Traum mit dem Lied über den Farbfilm von Nina Hagen. Eine verwöhnte Frau jammert wegen einer absoluten Lächerlichkeit, des vergessenen Farbfilms. Anscheinend liest ihr Freund ihr normalerweise jeden Wunsch von den Augen ab. So einen Mann hätte doch jede Frau gern. Und dieser Mann begegnet dir in deinem Traum: Er findet dich attraktiv und macht den ersten Schritt auf dich zu. Er ist schaut zu dir auf und bewundert deine Arbeit. Er erfüllt deine sexuellen Wünsche. Und dann kämpft er um euer Kind! Du gestehst es dir nicht ein: Aber das ist für dich das Beste an diesem Mann: Er steht zu seinen religiösen Überzeugungen. Er steht zu seiner Vaterschaft. Er kämpft für seine Ideale! Mutig trifft er die Entscheidung, vor der du zurückgeschreckt bist, und zwingt dich zu deinem Glück. Er liest dir den Wunsch nach einem Kind von deinen Augen ab. Aber obwohl du das Kind am Ende selbst willst, musst du Michi natürlich schlecht machen: Würdest du dir eingestehen, wie toll er ist, könnte dich die Wirklichkeit nur enttäuschen. In der musst du nämlich selbst wissen, was du möchtest. Du musst den Männern deine Wünsche deutlich ins Gesicht sagen und bekommst sie häufig trotzdem nicht erfüllt…“
Svenja (31 Jahre, Assistenzärztin in der psychiatrischen Klinik bei uns in der Stadt): „Einen Wunschtraum nennt ihr das? Es handelt sich eindeutig um einen Albtraum. Am Anfang fühlst du dich frei, Vera. Du bist glücklich, obwohl du ganz allein an der Bar sitzt. Diese Freiheit wird dir im Lauf des Traumes genommen. Schon durch die Aufnahmen mit den Fotohandys macht Michi dich wiederholt zum bloßen Objekt seiner Triebbefriedigung. Die Situation deiner Schwangerschaft nutzt er, um Macht über dich auszuüben. Es gelingt ihm in einzigartiger Weise: Erst wirst du zum Opfer der Staatsgewalt, dann zum Opfer eines Pressefeldzuges gegen dich, schließlich zum Opfer deiner natürlichen mütterlichen Gefühle. Und am Ende hat Michi, wie du schön beschreibst, die Macht, mit dir und deinem Kind zu tun, was immer er möchte. Vermutlich hast du Angst, in der Beziehung zu einem Mann deine Unabhängigkeit einzubüßen und erlebst deshalb immer wieder dieses Schreckensszenario... Du solltest darüber nachdenken, ob du dich – zu Recht oder zu Unrecht – auch von Holger manchmal in deiner Freiheit eingeschränkt fühlst…“
Kopfschüttelnd schloss ich die Datei mit der Collage darin. Keiner dieser Hobby-Traumdeuter hatte mich überzeugen können. Und von Schwarmintelligenz konnte bei so viel Widersprüchlichkeit keine Rede sein.

Das Familienfoto
Holger kam nach Hause und riss mich aus meinen Gedanken. Er hatte mir hässliche Rattenfigürchen aus Hameln mitgebracht und wir amüsierten uns königlich. Spontan beschlossen wir, den Abend bei unserem Lieblingsitaliener mit Rotwein und Pasta ausklingen zu lassen. Der Alkohol löste meine Zunge und ich erzählte Holger von meinem Schwarm-Experiment und dem Traum. Warum ich bisher über diesen Traum nicht mit ihm gesprochen hatte, lag auf der Hand: Obwohl er als erfahrener Psychologe vermutlich durch kein Geständnis zu schockieren war, fand ich es etwas unangenehm zuzugeben, dass ich in meinen Träumen mit einem anderen Mann schlief, noch dazu immer mit demselben, nicht-existenten.
Diese Passage meines Monologs nahm er aber gelassen auf. Erst gegen Ende merkte ich, wie Holger plötzlich erstarrte. „Wie hast du es herausgefunden?“, fragte er bleich. Bei mir begann eine Alarmglocke zu läuten. Ich spürte: Das war wichtig. Ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er redete. Ich zögerte. „Es ist nur ein Gefühl“, murmelte ich schließlich unbestimmt. Misstrauen blitzte auf in Holgers Augen. Er merkte, dass ich zumindest weniger wusste, als er befürchtet hatte. Aber es war zu spät, um zurück zu rudern. Holger trat die Flucht nach vorne an. Er begann zu erzählen. Was er erzählte, ließ mich zunächst hoffen, Holger träume ebenso ausführlich und absurd wie ich immer dasselbe. Aber im Weiteren schwand diese Hoffnung und ich erkannte: Dieser Albtraum kam mitten aus der Wirklichkeit.
Holger hatte ein fünfjähriges Kind in Süddeutschland, in einem kleinen Dorf mit dem Namen Förstersriedt. Die Mutter des Kindes hieß Monica. Holger hatte sie während eines seiner Seminare kennen gelernt. („Schritt für Schritt im Schnee – Körperliche und seelische Ausdauer trainieren beim Skilanglauf“ – Förstersriedt lag mitten im Skigebiet.) Monica studierte Betriebswirtschaft und wollte den Hotelbetrieb ihrer Eltern („Förstersriedter Hof“) übernehmen. Sie waren nur ein paar Wochen zusammen gewesen, als Monica schwanger wurde. Holger hatte sie angefleht, das Kind zu behalten. Er hatte in seiner psychologischen Ausbildung Frauen kennen gelernt, die sich selbst ihren Schwangerschaftsabbruch vor 15 oder 20 Jahren übel nahmen. Frauen, die sich noch immer fragten, wer aus ihrem ungeborenen Kind geworden wäre, und warum sie nicht stärker gewesen waren. Holger wollte nicht, dass Monica zu einer solchen Frau wurde. Monica dagegen wollte kein Kind. Schließlich setzte Holger sich durch. Es gelang ihm, Monica zum Austragen des Kindes zu überreden. Holger wäre bereit gewesen, das Kind zu sich zu nehmen und allein groß zu ziehen. Aber das wollte Monica nicht. Holger wollte statt einer Liebesbeziehung eine Freundschaft mit Monica. Auch das wollte Monica nicht. „Wenn schon, dann eine richtige Familie“, rief sie. „Du wolltest das Kind.“ Dieser wurde ihr Lieblingssatz. Wenn der Säugling nachts schrie, murmelte Monica: „Du wolltest das Kind.“ Wenn Holger nicht mit Monica schlafen wollte, sagte sie: „Du wolltest das Kind. Deinetwegen kriege ich jetzt keinen anderen Mann mehr.“ Als Holger ihr einmal ein überteuertes Abendkleid nicht kaufen wollte, weinte sie: „Du wolltest das Kind. Deshalb habe ich mein Studium abgebrochen. Wenn du nicht wärst, könnte ich mir das Kleid selbst leisten.“ Holger hatte gewollt, dass sie ihr Studium beendete. Er hatte sich um einen Krippenplatz gekümmert und für sich nach einer Psychologenstelle mit geregelten Arbeitszeiten Ausschau gehalten. Aber das wollte Monica nicht. Sie wollte keine Lösungen. Sie wollte einen Schuldigen. Holger hatte das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Er war aus der Dachwohnung im Förstersriedter Hof ausgezogen und hatte sich eine Bleibe in Norddeutschland gesucht. Durch die Seminare war er schon zuvor häufig nicht zuhause gewesen. Aber seine Schuldgefühle ließen ihn nicht los. Er besuchte nicht nur sein Kind regelmäßig, sondern auch Monica. Bis heute. Tja, und seit zwei Jahren gab es zusätzlich noch mich… Holger schwieg.
„Du betrügst mich mit Monica, sozusagen schon immer?“, fragte ich. Holger nickte mit hilflosem Gesichtsausdruck. „Als du mit diesem Traum anfingst, dachte ich, du habest es herausgefunden. Und das sei deine fantasievolle Art, es mir zu sagen.“ Jetzt, da die Wahrheit auf dem Tisch war, machte es keinen Sinn mehr zu bluffen. „Nein“, sagte ich erschöpft. „Ich träume das tatsächlich.“ „Mmh“, machte Holger. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Vera, ich liebe nur dich. Ich weiß, das klingt abgedroschen. Aber du musst mir glauben, ja?“ „Das Foto auf deinem Schreibtisch…“, begann ich zögernd. „Deine angebliche Cousine mit ihrem Kind, ist das…?“ „Monica und mein Sohn“, bestätigte Holger.
Wir gingen nach Hause und ich zerriss das Fotos. „Ich hasse Fotos“, sagte ich zu Holger. „Wer sie macht, lebt für die Zukunft, und wer sie betrachtet, in der Vergangenheit.“

Filmriss

 
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