Weitere Informationen zur Preisfrage   

„Ohne Titel“

Jonathan Grey

 
A: „Wovon träumen wir? Preisfrage der Jungen Akademie.“
B: „Aha.“
A: „Na das is vielleicht ne Frage. Woher solln wir wissen, wovon die
träumen?“
B: „Wer isn das? – Die Junge Akademie?“
A: „Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.
Ich denke mal, das sind Akademiker.“
B: „Aha.“
A: „Und jetzt solln wir denen sagen, wovon sie träumen?! Das is ja nich
grade leicht.“
B: „Deswegen gibts ja auchn Preis. Wenns leicht wäre, würden die nicht
zahlen. – Wie hoch is der?“
A: „Der Preis?“
B: „Ja, der Preis.“
A: „Hier steht was von bis zu 5000 Euro.“
B: „Wow! 5000 Euro dafür, dass wir denen sagen, wovon sie träumen. Das isn
Angebot. Aber andrerseits – schwierig. Ich meine, ich sag jetzt mal: Die
träumen davon, ne Weltreise zu machen. Nur mal als Idee! Also, ich sage:
Weltreise und schick das ein. Wenn ich gewinne, is gut, klar. Wenn ich
aber nich gewinne, weil die sagen: nee, Weltreise, nie im Leben. Wir
träumen von der S-Klasse! Tja, was soll ich dann sagen? Ich meine, wer
kann das überprüfen? Weltreise oder S-Klasse – die können doch sagen, was
sie wolln?“
A: „Hmm. Könnte n Problem sein. Andrerseits. Denk doch mal nach. Das sind
Akademiker. Die ham alle studiert. Und die ham wahrscheinlich schon
tausend Weltreisen gemacht. Und wenn die ne S-Klasse wolln, dann kaufen
sie sich eine. Ich würde mal sagen, was die träumen is mehr so in die
Richtung: dass die Welt besser wird, Frieden, Umweltschutz.“
B: „Möglich. Wobei. Also, wenn ich mal lese, was hier steht, ja? ‚Die
Junge Akademie möchte nicht an eine Tradition anknüpfen.“; Also
Tradition scheidet schon mal aus. Davon träumen sie nicht. Außerdem ‚fehlt
ihr auch der Glaube daran, dass heute noch durch Preisaufgaben die
wissenschaftliche Erkenntnis gefördert werden könnte‘.“
A: „Glaube scheidet also auch aus.“
B: „Aber jetzt kommts: ‚Sie will versuchen, den viel beschworenen und in
ihrem Gründungsstatut als Aufgabe verankerten Dialog zwischen Wissenschaft
und Gesellschaft auf eine neue alte Weise anzufachen.‘ Neue alte Weise,
komisch, aber egal. Also ich denk mal: Wissenschaft, das sind die,
Gesellschaft, das sind wir.“
A: „Möglich.“
B: „Und da gehts jetzt um Dialog. – Könnte ein Traum sein.“
A: „Allerdings nur einmal im Jahr.“
B: „Wieso?“
A: „Steht hier: ‚den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf
eine neue alte Weise anzufachen. Einmal im Jahr, mit einer Preisfrage‘.“
B: „Also die Wissenschaft fragt, die Gesellschaft antwortet, und dann
zahlt die Wissenschaft.“ A: „Einmal im Jahr.“
B: „Trotzdem, nicht schlecht. Zumindest für die Gesellschaft, die die 5000
Euro kriegt.“
A: „Aber so leicht wirds nich sein. Ich meine, das kann unmöglich das
sein, wovon die träumen?! Das wäre bekloppt. Außerdem: Wer stellt denn
eine Frage und gibt die Antwort gleich mit dazu? Mensch – denk nach. Das
is nich RTL. Da muss noch was dahinter stehen. Das kann nich alles sein.“
B: „Also ich finds albern. Ehrlich mal. Fremde Leute zu fragen, wovon man
träumt. Kein Mensch kann das wissen. Ich weiß ja nich mal bei Dir, wovon
Du träumst. Wirklich. Wenn Du mich jetzt fragen würdest: Wovon träume ich?
Glaubst Du, ich könnte da was sagen?“
A: „Na, so schwer isses nun auch wieder nich. Wir kennen uns schon so
lange. Und Du weißt genau, wovon ich… also, wovon ich träume, sozusagen.“
B: „Was? Du – keine Ahnung! Irgendwann kam mal was vonwegen: Ich habe
heute geträumt, ich wär inner Grube, wos ganz dunkel is. Na toll, so was
werde ich dann grade erzählen, wenn mich ein Fremder für die Information
bezahlt, wovon du träumst!“
A: „Meine Güte, das is doch schon Jahre her. Dass du dich daran noch
erinnerst. Das hab ich ja schon vergessen. Und außerdem is so was auch
nich gemeint. Inner Grube. Ich bitte dich! Träume, Mensch. Da denkt man an
was Schönes! Was man sich wünscht! Ein Ideal!“
B: „Ja nun, aber dann muss ich sagen: Wenns um Ideale geht, isses wirklich
daneben. Ich meine, was soll das? Entweder die wissen ganz genau, wovon
sie träumen. Dann brauchen sie nich andere zu fragen. Oder sie wissen es
nich. Bloß, wenn ich selbst nich mal weiß, was meine Ideale sind, woher
sollen das dann andere wissen?“
A: „Also du bist nich gerade kooperativ. Du willst nich verstehn, worums
geht. Das is einfach ne Frage, wo man mal n bisschen Fantasie braucht:
‚Wovon träumen wir?‘ Wir… Also vielleicht sogar wir alle?!“
B: „Jetzt is aber gut! Erst wissen sie nich, wovon sie selbst träumen, und
jetzt wolln sie auch noch wissen, wovon ich träume!?“
A: „Deswegen ja: 5000 Euro. Das is ne persönliche Frage!“
B: „Meine Güte, ne persönliche Frage! Eine, wo man mal in sich gehen soll,
ja? Die Gedanken schweifen lassen? Problem is nur: Ich träume gar nich.
Ich geh abends ins Bett und stehe morgens auf. Das wars. Das letzte Mal,
dass ich geträumt habe, war als Kind beim Mittagsschlaf.“
A: „Und?“
B: „Wovon ich da geträumt hab?“
A: „Ja.“
B: „Was weiß ich. Kuchen mit Erdbeeren drauf. Irgendsowas.“
A: „Hmm. Das hilft uns jetzt nich weiter. Außerdem sind das nich: ‚wir
alle‘.“
B: „Ich denk ja eh, das mit dem ‚wir‘ isn Fehler. Denn ‚wir‘ träumen doch
gar nich. Man kann fragen: Was wollen wir essen? Von mir aus auch: Wohin
gehen wir? Wenn man was Akademisches will. Aber doch nich: Wovon träumen
wir? Denn wenn wir wirklich träumen, sind wir allein. Und wenn wir nicht
allein träumen, träumen wir jeder was andres. Ich träume: Weltreise, du
träumst: S-Klasse. Und das is nicht dasselbe, tut mir leid.“
A: „Stimmt, aber vielleicht kann man da weitermachen. Ich glaube, als
Gedanke is das gar nich schlecht. Also noch mal: Ich träume was, was du
nich träumst, richtig? Und jetzt sag mir, was es is!“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
A/B: „Was war das?“
B: „Ich denk mal: die Junge Akademie.“
A: „Ach, die sind auch hier?“
B: „Klar. Die Suchen jetzt den Dialog. – Über den Traum.“
A: „Das is ne Chance. Also: Wovon träumt ihr?“
STIMME AUS DEM OFF: „Kalt.“
B: „Kalt?“
A: „Sie träumen, dass es kalt is!“
B: „Schwachsinn. Kein Mensch träumt, dass es kalt is. Wenn man vom Wetter
träumt, träumt man, dass es warm is.“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
B: „Siehst du, nich nur warm, sondern heiß solls sein.“
STIMME AUS DEM OFF: „Kalt.“
A: „Na, was denn nun – warm oder kalt?“
B: „Oder heiß?“
STIMME AUS DEM OFF: „Kalt.“
A: „Ich sags ja: Die träumen davon, dass es kalt is. Und soll ich dir was
sagen: Ich weiß auch warum.“
B: „Na, jetzt bin ich ja mal gespannt.“
A: „Was die träumen, hat mit S-Klasse nichts zu tun. Eher das Gegenteil.
Die träumen vom Klimaschutz und davon, dass es nicht wärmer wird, sondern:
Dass es kalt bleibt. Vielleicht sogar kälter wird.“
B: „Also das wäre mir im Traum nich eingefallen. – Noch kälter? Außerdem:
Von kälter war nie die Rede. Kalt. Einfach nur: kalt.“
STIMME AUS DEM OFF: „Kalt.“
B: „Bitte, sag ich doch. Kalt.“
A: „Na dann hams wirs ja. Kalt.“
B: „,Wovon träumen wir?‘ ‚Kalt.‘ Also ich weiß nich…“
A: „Na, nich einfach ‚kalt‘. Meine Güte… Is denn das so schwer? Es geht um
die übertragene Bedeutung! Die Antwort lautet: ‚Wovon träumen wir?‘ Wir
träumen davon, dass es kalt bleibt, damit die Erde sich nicht weiter
erwärmt.“
B: „Also entschuldige mal, aber das is doch nun wirklich Banane! Wir
träumen davon, dass es kalt bleibt. Hallo? Hier gehts um 5000 Euro! Da
kann man nich irgendeinen Schwachsinn hinschreiben. Hast du vorhin selbst
gesagt.“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
A/B: „Was?“
A: „Langsam nervts. Ich habe den Eindruck, die sind etwas unentschieden,
diese jungen Leute von der Akademie, kann das sein?“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
B: „Heiß, kalt, heiß, kalt. Also irgendwas stimmt da nich.“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
B: „Ja, das hatten wir schon. Is bekannt: Heiß.“
A: „Du, ich sag Dir ganz ehrlich, das issn Spiel für Vollidioten. Kein
Mensch kann erraten, wovon die träumen. Heiß oder kalt, Weltreise oder
S-Klasse, völlig egal. Und wozu auch? Was bringt es uns zu wissen, was die
oder du oder ich – oder wir träumen?“
B: „5000 Euro.“
A: „Hmm. Stimmt. Na dann sagen wir halt einfach: Wir träumen davon, … dass
es weitergeht.“
B: „Oder vielleicht auch, dass es aufhört.“
A: „… dass es laut wird.“
B: „… dass es leise bleibt.“
A: „… dass neue Wolken kommen.“
B: „… und alte abziehen!“
STIMME AUS DEM OFF: „Heiß.“
A: „Ja, stimmt genau, dann wirds nämlich heiß, insbesondere wenns vorher
kalt war…“
B: „Ach Mensch A. Jetzt reg dich nich so auf. Is doch nur ne kleine
Preisfrage. Und die sagen doch selbst, dass sie nich dran glauben, dass
das wissenschaftliche Erkenntnis fördert. Das is wien Spiel. Das soll Spaß
machen.“
A: „5000 Euro. Hast Du eben selbst gesagt.“
B: „Sehr komisch. – Aber weißt du was? Wir fahrn da mal hin. Wir fragen
einfach mal nach. Wir sagen, wir wüssten gerne, wie das gemeint is mit dem
Traum? Kann man doch machen. – Wo haben die ihr Büro?“
A: „Also ich weiß nich… – Hier steht: Berlin.“
B: „Na bitte, das is nich weit. Wenn wir gleich losfahren, sind wir morgen
da.“
A: „Einfach so, dahinfahren? Wir kennen die doch gar nich.“
B: „Deswegen. Erst, wenn wir sie kennen, können wir ihnen sagen, wovon sie
träumen. Is doch klar.“
A: „Hmm. Klingt logisch. N Versuch isses wert.“
B: „Los Alter, auf gehts.“
A: „Wenn du meinst.“
(Beide verlassen den Raum.)
STIMME AUS DEM OFF: „Sehr heiß.“
 
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