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„Äste im Wind“

Reinhart Hummel

 
Die Schuhe waren es, zu denen sie hinabsah und ich dachte, sie schäme sich, wenn ich sie umarmte und schaue deshalb zu Boden. Aber es waren die Schuhe, die sie interessierten, vielleicht vermischt mit dieser Scham, ihre Unfähigkeit zum tausendsten Mal fühlen zu müssen und vielleicht auch die Ablenkung davon. "Schöne Schuhe".
Sie hauchte das und die zwei Worte hingen im Raum und ich spürte sie eng an mir auf dem Weg vom Bett zum Rollstuhl und sie stieg mir in die Nase mit ihrem Geruch nach Zuckerwatte. Ich sah zu meinen Schuhen, weil ich nicht wusste, welche es waren.
"Ah ja. Sind eine meiner Favoriten."
Weil es meine Aufgabe war und ich sie mir selbst gewählt hatte, einst, und ich mir nichts anderes vorstellen konnte, war ich Fachmann für Pflege und ging zu den Menschen dahin, wo sie sich zuhause fühlten in Wänden und Freundschaften und Farben und Gerüchen und Stimmungen und Träumen, die ihre eigenen waren.
Ich kam zu ihr jeden Tag, um sie dort zu ergänzen, wo das Eigenleben ihres Körpers sich gegen ihren Willen richtete.
Wir waren scheu, damals, als alles neu war, und unsere Berührungen kantig und verzerrt und ohne Natürlichkeit, weil wir ohne Erfahrung aufeinander trafen und den Unterschied von Fühlung in Profession und Zuneigung nicht kapierten.
Sie hieß Mascha, Mascha von Sieben und ich fand den Namen megascharf, weil er aus der Norm fiel wie sie und unsere Beziehung, aber davon wusste ich am Anfang noch nichts.
Entzündungen gingen ihr an die Nerven und machten deren Isolationen kaputt und sie waren verstreut im ganzen System und unvorhersehbar und verhärteten und man sagte Multiple Sklerose dazu. Ihre Beine folgten ihr nicht und führten ihr eigenes Leben und es waren Streckungen und Kontraktionen in Zeiten, die unpassender nicht sein konnten und sie fühlte an Stellen mehr wie jeder Mensch und an anderen nichts und die Grenzen ihres Körpers ebenso wenig.
Sie war scharf auf Schuhe und ich auch und es war unser Ding und seit ich sie kannte, reichten meine Schränke nicht mehr aus dafür. Ich wollte Mascha von Sieben begeistern und fand ungewöhnliche und kam zu ihr.
"Hallo,"
ihr Blick sprang immer von unten nach oben, niemals umgekehrt und er war so tiefbraun wie meine Neuen, "oh, was für Spargelstecher und wie abscheulich."
Ich war beleidigt, einen Lidschlag lang, dann lachten wir wie die Blöden und der Waschlappen mit meiner Hand darin strich über ihren Körper und die Berührungen auch an Unzugänglichkeiten waren ohne Peinlichkeit, weil sie verschluckt wurden von Lachen und Leder und Leonbruni und Lorenzo Banfi und Lacoste.
Ihr Blick in Lederschuhhellbraun mit einem Tropfen Honig und ihre Haare glänzend wie meine frisch polierten Bruno Banani und der Geruch nach Zuckerwatte blieben in mir auch lange nach ihr und am Abend und in der Nacht und sie setzten sich in meinen Träumen fest. Die Qual begann und alles passte nicht zusammen mit Professionalität und ich fühlte, wie das Leben in mir hin und herschwappte zwischen Zuneigung und Erotik und Sympathie und Mitleid und als mir Liebe dafür in den Sinn kam, dachte ich, was für ein ausgelutschtes Wort und ich sei völlig durchgeknallt, aber es gefiel mir.
Die Begegnungen mit Mascha konnte ich kaum abwarten und hatte doch Horror davor, weil es mich beinahe zerriss, sie zu umklammern als Berufsmann, um sie von einem Ort zum anderen zu bringen, dabei wollte ich sie als Liebender umarmen, nichts anders.
"Immer die selben. Seit Tagen. Und immer diese ausgelatschten Nike."
Ich verstand nicht und meine Gedanken waren anderswo und eine Antwort brachte ich nicht zustande.
"Was ist los? Geh' ich dir auf den Keks? Werd' ich dir zu viel? Sind es meine Beine? Ist es, weil sie mir nicht gehorchen? Soll jemand anderes...?"
"Nein... ich mein, ja... vielleicht wäre... ach Mist."
Mir wurde heiß und meine Ohren feurig und ich stand vor ihr wie ein Schuljunge und fühlte mich unmöglich und ich wusste, es gab kein Zurück und ich sagte es ihr.
Ich sagte ihr, dass sie alle meine Rezeptoren besetzt habe mit ihrem braunen Blick und ihrem Zuckerwattegeruch und ihrer Stimme wie Hauch und ihrem Andersseinalsandere. Und ich sagte ihr auch, dass ich keine Reizempfänger mehr frei habe, um anderes zu denken und fühlen und riechen und träumen als sie.
Nichts blieb, wie es war. Der Transfer vom Bett zum Rollstuhl war nicht mehr physiotherapeutisch, er war Umarmung und er war sinnlich und er war ohne Ende. Der Waschlappen zwischen ihr und mir störte plötzlich, wo er zuvor Barriere und Professionalität markierte und aus Körperpflege wurde Streicheln in Unendlichkeit und unsere Blicke verschlangen sich und Berührungen taten weh vor Sanftheit und Sinnlichkeit und Wünschen nach mehr.
In einem Schlager hatte ich es gehört und es gefiel mir, weil es ultimativ war und ich zog Schuhe an, die Geilsten, die ich finden konnte für meine Überzeugung. Dass ich bei ihr bleiben und meinen Traum mit ihrem zusammenlegen wolle, sagte ich ihr, und er bunt und nicht mehr schwarzweiß sein würde.
Mascha sah meine Schuhe und mich an und der Tropfen Honig wurde mehr und setzte seine Sonne frei in ihrem Blick eine kleine Zeit. Aber er verdüsterte sich schnell und ich verstand nichts in meinem Flug über den Wolken und Maschas Stimme knickte ein in ihrer wunden Seele und ihre Worte fehlten und Nachdenklichkeit blieb.
"Wovon träumst Du?" Meine Emotionen in Überschwänglichkeit und Begeisterung machten die Frage und der Verstand hatte nichts zu melden. Der Honigtropfen in ihrem Braun verschwand und Tränen machte Schlieren von Glanz unter ihren Augen als hätten Schnecken ihre Wangen überquert und ihre Beine zitterten wie Äste im Wind.
Sie antwortete nicht.
Ich kam wieder mit Schuhen und sie waren an Genialität nicht zu überbieten und ich freute mich auf ihren Blick von unten und ich fand sie eingerollt wie ein Embryo und ich wusste, ihre sklerosierten Nerven würden diese Stellung niemals dulden und ich sah Unmengen von Medikamentenschachteln und jenes Blatt Papier:
Ich träume und ich werfe die Bettdecke beiseite und meine Beine über den Bettrand und ich fühle die Kühle des Bodens und seine Maserung und sehe Staubfäden tanzen im Licht und ich fühle mich wie sie, ohne Schwere.
Ich träume von der Toilette und spüre wie mich Urin verlässt und er ist warm und mir wird wohl und ich höre das Plätschern und es ist das schönste Geräusch, schöner wie Musik und ich bin alleine und niemand steht hinter oder neben mir und kein Schlauch macht meine Schamlippen wund und endet dort, wo Silikon nicht hingehört und sammelt Urin in einem Beutel wie in einem Schauglas.
Ich träume von dem, wofür ich keine gescheiten Worte kenne und der Traum ist wundervoll, weil ich allein bin dafür und mir das Herz nicht schlägt wie verrückt, weil der Höhepunkt der Peinlichkeit erreicht ist, wenn es stinkt und ich mich dort wischen lassen muss, wo niemand etwas zu suchen hat und mir die Knie schlottern vor Scham.
Ich träume von dem Knopf der Kaffeemaschine und mein Finger trifft ihn, nicht erst auf das fünfte Mal.
Ich träume von der Fußgängerzone und ich gehe auf meinen Beinen und ich kaufe es selbst, das Eis, und schlecke daran und ich flirte mit dem Verkäufer und er lächelt und ich sehe kein Mitleid in seinen Stoppeln.
Ich träume und niemand sieht mir nach und ich strecke meine Zehen in den See und spüre kalt das Wasser und warm die Steine und scharf das Glas und sanft das Schwemmholz.
Ich träume von Händen und sie berühren mich ohne Latex und ohne Waschlappen und ohne Auftrag und ohne Lehrbuch und ich spüre, wo ich aufhöre und anfange und ich weiß, ohne zu sehen, welches Bein sie halten.
Ich träume von Zwischenraum, ausgefüllt von dir und meine Beine gehorchen mir und lassen es zu und machen mich weit für dich und sie zittern nicht wie Äste im Wind nur um mir Schmerzen zu machen und dich abzuweisen.
Ich träume mir deine Spermien in mich hinein und Leben und Fortbestand und Zukunft.
Ich träume dich in meinen Tag und in meine Nacht hinein für immer.
Ich träume das Normale und mein Traum bleibt ohne Erfüllung und meine Beine zittern und mein Urin fließt in den Beutel ohne Plätschern und meine Beine schließen dich aus und alles bleibt ohne meine Kontrolle.
Hörst du, nur das Normale träume ich, nur das.

Wut und Ärger und Schock vermischten sich in mir und schäumten auf und wurden bissig und brodelten wie Abflussreiniger im Spülbecken und ich dachte nicht darüber nach, ob mein Handeln richtig sein würde für Mascha und für mich und die Welt mit ihrer Ethik. Ich rüttelte an ihr wie ein Wilder und merkte Leben in ihrer Brust, ganz wenig, und mein Finger fuhr in ihren Hals bis sie sich aufbäumte und Zeug in Mengen frei gab und es war weiß und sah unschuldig aus und nicht nach Tod. Ihre Augen gingen auf und wurden groß und verstanden nichts und ihre Beine zitterten wie Äste im Wind und ich war froh und wusste nicht, ob ich es sein durfte.
 
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