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„Lauter schöne Sachen“

Marion Boginski

 

Eine Gedankenreise

Mehrere Millionen Euro im Lotto-Jackpot lassen mehrere Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen und verleiten sie dazu mehrere Millionen Euro zu verspielen in der Hoffnung, dass gerade er, sie, ich diese dreiundvierzig Millionen gewinnt.
Dreiundvierzig Millionen, wie viele Geldstapel sind dreiundvierzig Millionen?
Ein Koffer mit gebündelten 200 Euro-Scheinen, ein Tisch, ein Raum oder zwei Koffer, zwei Tische, zwei Räume?
Eine Frage für den Mathematikunterricht. Dreiundvierzig Millionen Euro und ein Raum drei Mal drei Mal drei Meter. Passen alle Geldstapel hinein oder ist der Raum zu klein oder zu groß?
Diese Frage ist zu groß, dreiundvierzig Millionen sind zu groß, zu groß in Stapeln, zu groß als Summe auf einem Kontoauszug, eine dreiundvierzig und sechs Nullen. Auch zerlegt noch zu groß, dreiundvierzig Mal eine Million, vierhundertdreißig Mal einhunderttausend oder viertausenddreihundert Mal zehntausend oder dreiundvierzigtausend Mal eintausend oder vierhundertdreißigtausend Mal einhundert Euro.
Will er, sie, ich dreiundvierzig Millionen Euro von einer Sekunde zur nächsten gewinnen, plötzlich und erhofft? Nicht Schritt für Schritt, eine Million und noch eine und noch eine, sondern auf einmal? Eine Summe, von der er, sie, ich nicht weiß, wo sie wie hinpasst und wie sie vorstellbar wird.
Wer will diese Millionen? Alle, die getippt haben?
Haben alle, die getippt haben, sich auch Gedanken gemacht, was wird, wenn er, sie, ich diese Millionen gewinnen sollte. Erst mal haben und dann mal schauen. Schauen, wie weit dreiundvierzig Millionen reichen oder nicht reichen und wofür reichen.
Einmal neu einkleiden, zweimal neu einkleiden, ein Haus, ein größeres Haus, ein neues Auto, ein größeres Auto, das größte Auto. Einmal reisen um die Welt, im Airbus, Luxusliner, Helikopter. Ein zweites Mal um die Welt.
Wird es beim dritten Mal um die Welt langweilig? Oder bereits beim Zweiten? Kann man alles sehen? Oder ist auf der halben Strecke des Weltsehens das Sehen übergesehen? Kann man alles Sehen ertragen, alles ertragen, was man unterwegs sieht, das Elend der Welt links und das Schöne der Welt rechts und in der Mitte eine Grenze, unsichtbar, mauerndick und globuslang.
Er, sie, ich könnte es kleiner anfangen und lauter schöne Sachen kaufen, eine Kette, einen Ring, eine Uhr, eine neue Frisur, ein faltenfreies Gesicht.
Will er, sie, ich ein faltenfreies Gesicht, an dem nicht zu sehen ist, dass er, sie, ich bisher gelebt hat, und wie gelebt hat, ein lebfreies Gesicht wie ein Kind mit den Bewegungen des Alters. Passt, wenn man Geld hat, alles, oder passt alles für Geld?
Ist alles käuflich? Was ist käuflich, ist alle Ware käuflich?
Und wenn er, sie, ich nun genug Ware besitze, was kauft er, sie, ich dann, was will er, sie, ich dann besitzen?
Gesundheit oder Freude oder Liebe oder Zufriedenheit? Wo kauft er, sie, ich die und zu welchem Preis? Wie kauft er, sie, ich den Neid der Freunde und Verwandten weg, die sicher fragen werden, wo all die schönen Sachen herkommen, die er, sie, ich plötzlich besitzen. Werden sie zufrieden sein, mit dem, was er, sie, ich ihnen gebe, oder wollen sie mehr oder wollen sie nichts? Nichts geschenkt, von dem, was in Freude gegeben und in Unfreude entgegengenommen wird, weil er, sie, ich die Freude verbreitet und nicht sie?
Wenn man alles kaufen und alles besitzen kann, was will man dann besitzen, etwas, was es nicht zu besitzen gibt, etwas, was erst noch erfunden, erdacht, erbaut werden muss?
Ist jeder, der tippt, ein Materialist, ethisch gesehen, ein Wohlstandsstrebensmaterialist? Von der Gesellschaft zum Kaufen erzogen, wortgewaltig, bildgewaltig, tongewaltig bedrängt - kaufen, kaufen, kaufen. Oder wird der zum Materialisten, der im Lotto gewinnt? Und ist kaufen - sein, ihr, mein - Lebenszweck?
Ist das Streben nach Wohlstand ein Ur-Gendefekt, der sich wie ein Bazillus verbreitet, ausbreitet, ermächtigt? Zur Ur-Zeit ein Mammut, zur Heute-Zeit drei Autos, drei Fernseher, drei Computer ...
Machen dreiundvierzig Millionen Angst? Angst, alles kaufen zu können, auch, was er, sie, ich niemals brauchen werde, aber trotzdem kaufe und das Alte entsorge, obwohl es noch funktioniert, auf einem Müllberg entsorge, der gegen den Himmel wächst, wie unsere Angst in den Himmel wächst, etwas Neues verpassen zu können?
Kann Angst in den Himmel wachsen, oder wächst Angst in die Erde hinein? In die Dunkelheit hinein, in Erdschichten des Holozän, Pleistozän, Pliozän ...
Wenn er, sie, ich eine Firma besitzt, kann er, sie, ich in diese Firma investieren, um mehr Gewinn zu machen. Will man mehr Gewinn machen, wenn man schon einen dreiundvierzig Millionen Euro-Gewinn hat? Will er, sie, ich mehr gewinnen, noch mehr, wie viel mehr und für was?
Er, sie, ich könnte spenden, spenden gegen Hunger, für Wasser, für Bildung, gegen Krankheiten. Kommen dreiundvierzig Millionen auch dort an und so an, wie er, sie, ich es sich vorstellt, oder verschwindet die Hälfte oder mehr oder weniger oder alles in Quellen unterwegs und überall nur nicht dort, wo er, sie, ich dachte?
Sind dreiundvierzig Millionen nicht zu wenig, für so vieles, was passieren muss mit dem Elend der Welt und der Grenze, unsichtbar, mauerndick und globuslang? Bleiben die Armen trotz dreiundvierzig Millionen arm, weil sie nicht die Chance erhalten sich selbst zu helfen, Hilfe zu Selbsthilfe? Wer will Hilfe zur Selbsthilfe, funktioniert Hilfe zur Selbsthilfe oder ist Hilfe ein Abhalten von Selbsthilfe, weil schon von außen geholfen wird und somit einfacher als Selbsthilfe ist?
Er, sie, ich könnte dreiundvierzig Millionen einer Bank geben zum Aufbewahren, vielen Banken geben zum Aufbewahren, die es nicht nur aufbewahren, sondern verwenden, es mehren, vermehren, in Teile zerlegen, in Fonds zerlegen - Rentenfonds, Geldmarktfonds, Aktienfonds, Technologiefonds ... Gut, besser, schlechter, umlegen - verlegen ...
Ein Zufall, nein acht Zufälle - bei denen die Beziehung zwischen der Ursache, das Zusammenspiel zwischen Hand und Kopf beim Schein aus dem Stapel ziehen, beim Durchkreuzen einer Zahl und noch einer und noch einer ..., und der Wirkung der dreiundvierzig Millionen-Gewinn, nicht erklärbar ist. Zufall bedeutet nicht, dass alles möglich ist. Aber möglich macht es der Zufall, möglich dreiundvierzig Millionen zu gewinnen.
Wie viel Zufall kann ein Mensch tragen, ertragen, unbeschadet davontragen?
Kann er, sie, ich so wenig oder so viel den Zufall ertragen wie er, sie, ich die
dreiundvierzig Millionen davontragen kann?
Bringt der Zufall Gerechtigkeit? Ist es gerecht, wenn er, sie, ich mit 85 Jahren, die Millionen gewinnt? Was fängt er, sie, ich am Ende des Lebens mit dem an, was man eigentlich für den Anfang des Lebens braucht? Ein paar Jahre hinzukaufen? Oder die Verwandtschaft beschenken, die beiden Neffen? Ein paar Millionen für die Neffen in guter, in bester Erinnerung an den guten, besten Onkel oder die gute, beste Tante. Wie lange hält die Erinnerung an den guten, besten Onkel oder die Tante? Eine Generation, mehrere, keine? Kann man mit Geld Andenken, Erinnerung kaufen, bewahren, verwahren aufbewahren, sich bewahren?
Was, wenn eine junge Familie die Millionen gewinnt, und damit in kurzer Zeit zu einer alten wird, weil alles erfüllt ist, was zu erfüllen sie sich vorstellen konnte, in ihrem Leben erreichen wollte an materiell Möglichem? Das Leben materiell gelebt, erlebt, erledigt und nun? Was machen sie nun, nichts mehr da, was man zusammen erreichen kann, außer dem Alter? Noch mehr schöne Sachen kaufen, für seine Freundin oder ihren Freund?
Wie viel Glückshormonstress bringt ihn, sie, mich zum Fallen, zum Hinfallen, Umfallen, aus dem Leben fallen? Oder fällt er, sie, ich in das Leben hinein?
Was, wenn vor lauter schönen Sachen ihm die Frau, ihr der Mann, mir der Mann abhandengekommen ist, weil anderen er und sie das Geld in die Augen gefallen ist? Oder die Kinder abhandengekommen, weil sie jung alles haben, was man haben kann und alles sich erfüllt, an schönen Sachen, dass es nicht nötig ist, etwas dafür zu tun, dass schöne Sachen noch schöner werden.
Was, wenn er, sie, ich verzichte, auf dreiundvierzig Millionen verzichte. Nicht belastet mit dieser Summe, von der man nicht weiß, wie sie passt, in welchen Raum, in welchen Traum, in welches Leben. Aber weshalb hat er, sie, ich dann gespielt?
Ist er, sie, ich mit dreiundvierzig Millionen reich oder arm? Will er, sie, ich den Zufall und die Wahrscheinlichkeit wirklich, die richtigen Zahlen durchkreuzen, den richtigen Schein aus dem Stapel ziehen? Hinterher reich sein an Neidern und arm an Verwandtschaft? Oder ist er, sie, ich reich und arm und arm und reich zugleich?
Ein Lottogewinn bedeutet ein Jahr glücklich sein, sagen andere Lottogewinner, sagen die Psychologen der Lottogewinner. Ein Jahr lang eine unentwegte Serotonin-Ausschüttung, von der wir abhängig sind, angeboren abhängig.
Was wird mit der Abhängigkeit, nach dem Glück für ein Jahr? Ein anderes Glück? Hält der Glücksvergleich stand, zwischen dem Vorherigen, dem Geldglück, und dem vielleicht Bestehenden oder Gekommenen oder keinem Glück? Was ist für das Geldglück gekommen, eine andere Abhängigkeit, Hörigkeit, Unfreiheit?
Die Wahrscheinlichkeit sechs Mal richtig zu durchkreuzen und einmal richtig den Schein aus dem Stapel zu ziehen, liegt bei eins zu einhundertvierzig Millionen.
Er, sie, ich zu einhundertvierzig Millionen. Eine Zahl, die nicht vorstellbar ist, die nicht auf den Tisch passt, nicht in den Raum, nicht in den Kopf. Einhundertvierzig Millionen darf es nicht treffen, damit es ihn, sie, mich trifft. Keine Aufgabe für den Mathematikunterricht, eine Aufgabe an das Leben, so wie der dreiundvierzig Millionen-Gewinn eine Aufgabe an das Leben ist - für ihn, sie, mich.
Mehrere Millionen Euro im Lotto-Jackpot lassen wieder und wieder mehrere Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen und verleiten sie dazu mehrere Millionen Euro zu verspielen - in der Hoffnung, dass gerade er, sie, ich diese Millionen gewinnt - in der Hoffnung mit viel Glück viel Geld zu gewinnen, was viel Glück in die Hoffnung setzt, mit viel Geld glücklich zu werden – er, sie und ich.
 
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